Blumen sind nicht nur ein Stück Kindheit, sie gehören auch fest zum Kanon der Bilderbuchkunst. Zu den schönsten Illustrationen dieses Genres zählen die phantastisch-beseelten Bilder des Jugendstilkünstlers Ernst Kreidolf. Heute sind Blumenbilderbücher weniger gefühlsbestimmt als Kreidolfs Malerei mit ihrer eigenwilligen romantischen Kosmogonie. Sachbilderbücher bestimmen den Trend. Zwei höchst unterschiedliche liegen jetzt für Kinder und junge Leser bereit –

Elisabeth Manke (Text) und Ruth Fritzsche (Ill.): „Alle meine Pflanzen. Gartenbuch für Kinder“; Union Verlag, Stuttgart, Lizenzausgabe des Verlags für die Frau, DDR; 154 S., 16,80 DM

und

Lena Anderson: „Majas blühendes Notizbuch“; C. Bertelsmann Verlag, München; 56 S., 22,– DM.

Elisabeth Mankes Blumenbrevier ist ein praktisches solides Nachschlagwerk, in dem Pflanzenfreunde eine Vielzahl nützlicher Tips finden, wie sie sachkundig mit Blumen umgehen müssen. Das fängt an bei der Zimmergärtnerei (Azalee bis Zitrusbäumchen), weitet sich aus zu den Balkongewächsen (Glockenrebe, Fuchsie, Wicke oder Kapuzinerkresse) und reicht bis zu konkreten Vorschlägen für den Garten. Leser erfahren komprimiert etwas zum Thema Kompost, Pikieren, Dünger; lernen, wie man Stauden, Blumen, Sträucher, Gemüse und Kräuter anpflanzt, Schädlinge bekämpft und mit Giften umgeht (beziehungsweise gerade nicht, damit weder Vögel noch Bienen zu Schaden kommen). Der Text bietet gründliche erste Information, ohne durch Fachsimpelei zu verschrecken.

Die Illustrationen von Ruth Fritzsche geben eine überzeugende Mischung aus naturkundlich wichtiger Information und „schöner“ Gestalt. Sie sind frei von der starren schematischen Abbildung klassischer Biologiebuchzeichnungen. Die Bilder verraten bei aller Präzision eigene Handschrift, zeigen statt Pedanterie treuliche Hingabe an den Gegenstand. Von den 150 Seiten dieses Buches habe ich 130 uneingeschränkt genießen können. Die restlichen zwanzig sind dem Thema Bastelei und Schmuck aus Blumen gewidmet. Da breitet sich eine gewisse Henkeltopf-Ästhetik aus, Da werden Vorschläge für asymmetrische Narzissengestecke, für Trockenkunst auf Baumschwamm und Borke oder Kerzenhalter mit Umrandung aus Waldfrüchten und Strohblumen gemacht. Nicht zu vergessen jene unvermeidlichen Novembermännchen aus Kiefernzapfen, Kastanie, Hagebutten und Mohn. Mit diesem Bastelteil (ich muß es bekennen) habe ich Schwierigkeiten. Zeitlebens wird diese Beschäftigung für mich verbunden bleiben mit dem herben Klima unnachsichtiger Bastelfräulein aus Kinderheimen, in die man mich zum Dickwerden schickte. Aber das ist eine eher unzulässige private Assoziation, die den Wert dieses hübschen Büchleins natürlich nicht im geringsten schmälern kann.

Das zweite Buch ist mehr Bilder- als Sachbuch. Es ist amüsant, locker, heiter gemacht. Die inzwischen arrivierte schwedische Illustratorin Lena Anderson hat es offenbar konzipiert als Anregung für einen Ideen-Strauß zum Kennenlernen von Blumen und Pflanzen. Der Verlag nennt das Album eine „Anstiftung zur Kreativität“. (Man braucht es nicht so harsch auszudrücken wie Reinhard Baumgart, der Kreativität als etwas definiert, von dem heute besonders heftig „Zahnärzte, Grüne, Surfer oder Keramiker“ träumen.) Aber ziemlich abgeschabt ist er inzwischen schon dieser Begriff und muß ständig herhalten, um Sinn-Schwund wettzumachen. Dies Büchlein benötigt im übrigen keine weitere Reklame, man muß nicht nach schicken Vokabeln suchen. Die Bilder machen einfach gute Laune, zeigen das als Bestseller bereits vielfach bewährte Mädchen Maja bei allerlei witzigen Unternehmungen, die alphabetisch geordnet sind: von A wie Ackerwinde bis XYZ. Mal tanzt Maja im Mondenschein mit einem reizenden weißen Hasen, ein andermal verschlingt sie mit Freund Pelle eine gewaltige Erdbeertorte. Ob sie mit einem Helm aus Zeitungspapier in der Butterblumenwiese hockt oder mißmutig mit geschwollenen Füßen unter der Tanne sitzt: Die Episoden sind äußerst vergnüglich in Szene gesetzt. Mein Lieblings-Bild: Maja mit einem Arm voller Kornblumen, diesen tiefblauen schönen Flockenblumen, die noch in meiner Kindheit zu Hunderten im Goldgelb der Getreidefelder blühten. Die Agrarchemie hat mit der Herbizidspritze dieser blauen Herrlichkeit den Garaus gemacht. Und nicht nur das: Die Chemie-Werbung diffamiert die Sommerschönheiten inzwischen kaltschnäuzig als „breite Mischverunkrautung“ und knallt neben ein betörend schönes Farbphoto von Ähren, Margeriten, Kamille und Kornblumen den Slogan: „Das Breitbandherbizid mit der besonderen Durchschlagkraft gegen ...“ Blumen als der letzte Dreck, dem man nur noch mit einer Ladung Gift beikommen kann. Horst Stern hat diese Mentalität „Verunkrautung des Denkens“ genannt.