Von Gerhard Trommer

Schädlingsbekämpfung macht vor allem wegen möglicher gesundheitlicher Folgen angst. Gift in der Nahrung und Gift in der Muttermilch waren dafür zwei Schlagzeilen. Das war nicht immer so. Hinter besorgten Umweltkampagnen ist verborgen geblieben, daß sich aus der Ideengeschichte der Schädlingsbekämpfung folgenschwere Entwicklungen ergeben haben, die längst nicht ausgelernt worden sind und bis heute bewußtseinsbildend nachwirken.

Als nach dem Mittelalter die Menschen versuchten, besser mit dem irdischen Diesseits zurechtzukommen, gab es eigentlich nichts, das in Gottes weise eingerichteter Naturschöpfung schädlich sein konnte. Das Böse schien im Menschen begründet zu sein. Johann Amos Comenius, der große europäische Reformpädagoge des 17. Jahrhunderts, unterrichtete die Ansicht, daß fliegendes und kriechendes Ungeziefer als Strafe Gottes für das Böse im Menschen geschaffen sei.

Die Auffassung, daß die Natur nützlich und weise eingerichtet ist, verbanden später die Pietisten und Aufklärer mit strebsamen Fleiß nach irdischer Glückseligkeit durch ordentliche, fleißige, christliche Haushaltung. Für das wirtschaftende Bürgertum entstand daher großer Bedarf an Realwissen. Zeugnis darüber geben ökonomisch-technische Naturgeschichtsbücher für Bürger, Landwirte und Lehrer, aber auch Schüler. Von der elementaren, populären „Kinderfreund“-Naturgeschichte des Freiherren Eberhard von Rochow (1776) bis hin zu Bechsteins Naturgeschichte Deutschlands (1789) wurde darin zunehmend Nutzen und Schaden der auf Gott bezogenen Naturschöpfung abgewogen, denn natürlich bemerkte man die Schädlinge. Das Geziefer störte christliche Haushaltung mit Natur, vor allem in land- und forstwirtschaftlicher Hinsicht.

Der deistischen Naturauffassung* wegen überwog allerdings positiv-nützliche Sinngebung, nicht schädliche, denn in Gottes Schöpfung konnte ja alles nur in weiser Sinnfälligkeit aufeinander bezogen sein. Es galt allgemein, auch für viele Naturforscher wie Carl von Linné oder den Blütenforscher Christian Konrad Sprengel, das Geheimnis weiser Ordnung in der Natur herauszufinden, was auch schon zu ökologischen Einsichten über das Gleichgewicht im Naturhaushalt führte.

Es überrascht daher nicht, daß sich mit dem Gedanken tierischer Schädlingsbekämpfung im 18. Jahrhundert von Anfang an auch Nützlingsschutz verband. Immerhin verzeichnete Bechstein, dem der Naturschutz aufklärende Impulse zum Beispiel für Singvogelschutz, Schutz von Greifvögeln, beutejagenden Säugetieren und Raubinsekten verdankt (immer aus Nützlichkeitserwägungen heraus begründet), auch zahlreiche Schadensbeurteilungen mit dazugehörigen Abwehrmaßnahmen. Aus heutiger Sicht sind furchteinflößende Bekämpfungsmittel wie Arsen- und Quecksilberköder darunter. Sogar eine Giftgas-Bekämpfungsmaschine, mit deren Hilfe Hamster durch Schwefeldämpfe getötet werden sollten, wurde beschrieben. Die von Bechstein ausgiebig begründete und beleuchtete Hamsterjagd enthält aber auch schon den (ökologischen) Hinweis, daß sich die Natur in naßkalten Jahren mit der Eindämmung der Hamsterplage selbst helfen konnte.

Durch das Volksschulwesen wurde das Motiv Ehrfurcht vor göttlicher Naturschöpfung im 19. Jahrhundert fortgeführt. Auch durch Volksbildungsanstrengungen blieb der Aspekt der Schädlingsbekämpfung in der Tradition praktischer, fleißiger, ordentlicher und verantwortungsvoller, vor allem aber tierschonender Haushaltung mit Natur gebändigt (die Volksbildung führte unter anderem in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer beträchtlichen Ausbreitung der schon im 18. Jahrhundert entwickelten Schulgärten).