Klappern gehört zum Handwerk“, bemerkt Udo Walz, Friseur prominenter Berliner Damen. Er meint damit nicht das Schnippen seiner Schere, sondern das auf Hochglanz polierte Ambiente seines neuen Geschäftes am Kurfürstendamm, das auch einer Kunstgalerie zur Ehre gereichen würde. Der Clou sind jedoch seine männlichen und weiblichen Mitarbeiter, die, gehüllt in allerneueste, schrille Modefummel, an Auffälligkeit kaum zu übertreffen sind. „Wessis“, Touristen aus Westdeutschland, die hier einfallen, haben daheim etwas zu erzählen.

Auch ein Arrivierter wie Udo Walz muß heute auf Kundenfang gehen, denn die Berliner Stammkundinnen allein ernähren ihn nicht mehr. Haarige Zeiten sind angebrochen, die Zunft sorgt sich um ihre Existenz. Also werden alte Zöpfe abgeschnitten, ein neues Image wird kreiert.

Bestrebt, den Geist der Zeit beim Schopfe zu packen, streift der Friseur seine weißen, kniekurzen Barbierkittel ab und krempelt sich die Ärmel hoch. Aus biederen Handwerkern sind künstlerisch ambitionierte Coiffeure, Haarkünstler oder Hairstylisten geworden, die ihre Kunden nicht mehr nach Geschlechtern trennen: Der spezielle Damen- oder Herrenfriseur gehört der Vergangenheit an.

Neuerdings sitzen sie in bunter Reihe; keine Dame findet etwas dabei, wenn neben ihr einem Herrn der Kopf gewaschen wird. Ganz unauffällig hat sich’s der immer mehr modisch orientierte Mann auf Damenstühlen bequem gemacht und genießt sein erobertes Terrain. Diese Entwicklung wird von der Branche begrüßt, stopft sie doch das Loch, das die launenhafte Weiblichkeit gerissen hat.

Die Damen nämlich sind längst nicht mehr so friseurbewußt wie früher; sie treten nicht mehr wöchentlich an, sondern höchstens einmal im Monat. Vorbei sind die Zeiten, wo sie für 12 Mark 50 in überfüllten Salons geduldig oder voller Grimm fast zwei Stunden auf die Hand des Meisters gewartet haben. Der Gang zum Friseur ist zum Luxus geworden. Für Waschen, Schneiden und Föhnen sind bis zu 75 Mark auf den Tisch zu legen, und da sträuben sich so mancher Kundin bereits die frisch gestylten Haare. Wünscht sie gar Dauerwelle oder Färben, verteuert sich der Preis um mindestens das Doppelte. Die Damen bleiben also zu Haus. Wie sie wieder locken? Ideen sind gefragt.

Achim Pietz hat sich da etwas einfallen lassen. Der Berliner Jungunternehmer sorgt zur Zeit für Aufsehen in seinem „Struwwelpeter-Laden“. Er hängt seine Kundinnen, nach amerikanischem Vorbild natürlich, an den Füßen auf und schneidet die herabhängenden Haare ab, in Fußbodennähe. Die neue Methode, versichert er, schlage gleich drei Fliegen mit einer Klappe, vorausgesetzt, der Blutdruck ist normal: die Wirbelsäule entspanne sich, der Haarschnitt falle exakter aus und schneller ginge es auch. In drei bis vier Minuten sei alles vorbei.

Kürzlich habe sogar eine Dame von 61 Jahren es gewagt. „Mann, da hat ick janz schöne Manschetten, Jott sei Dank hat die keen roten Kopp jekricht!“ Die Kühnheit seiner Kundinnen scheint ihn selbst zu erstaunen. Die Rede ist nun von einer 75 Jahre alten Dame, der er eine ihrem Alter entsprechende Frisur verpaßt habe. „Wat denken Se, wat ick da zu hör’n jekricht hab’, wird die doch janz heiß und valangt wat Kühnet! Na, da hab ick ihr vielleicht eene Dauerwelle rinjehauen – soo ’ne Omme hatte die hinterher!“ Er malt das Ausmaß eines Vollreifen Kürbisses in die Luft.