Die Frage ist alt, aber immer noch nicht schlüssig beantwortet: Ist ein halb gefülltes Glas halb voll oder halb leer? Anders gefragt: Sind stabile Preise, Handelsüberschuß und starke Währung ein Erfolg für die Bundesregierung oder sind 2,5 Millionen Arbeitslose eine blamable Bilanz? Drei Antworten gab es darauf zu Beginn der Woche, Klarheit aber kaum.

Da ließ Wirtschaftsminister Martin Bangemann die Experten seines Hauses jubeln: „Die Voraussetzungen für eine Fortsetzung des wirtschaftlichen Aufschwungs in der Bundesrepublik Deutschland haben sich in letzter Zeit weiter gebessert.“ Und: „Auch die längerfristige Wirtschaftsentwicklung bis 1990 wird heute mit größter Zuversicht beurteilt.“ Also eitel Sonnenschein, und das bis weit über die Bundestagswahlen im nächsten Januar hinaus.

Ein bißchen verhaltener klang, was die wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten verkündeten: „In der Bundesrepublik Deutschland setzte sich die konjunkturelle Aufwärtsbewegung im Winterhalbjahr nur stark abgeschwächt fort... Der zuvor starke Anstieg der Warenausfuhr kam fast zum Stillstand.“ Außerdem gebe es „keine Anzeichen für eine so kräftige Ausweitung der Produktionskapazitäten, daß eine nachhaltige Steigerung der Zahl der Arbeitsplätze und eine durchgreifende Verringerung der Arbeitslosigkeit erwartet werden könnte“.

Wie ein Grabgesang klang schließlich die Botschaft der linken „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“ in ihrem Memorandum ’86: „Im vierten Jahr des Aufschwungs: Unverändert hohe Massenarbeitslosigkeit und steigende Armut.“ Die Belege: „Mehr als eine Million Personen waren 1985 auf .laufende Hilfe zum Lebensunterhalt’ im Rahmen der Sozialhilfe angewiesen, das sind doppelt so viele wie 1978.“ Zudem: „Nach den vorliegenden Prognosen wird Arbeitslosigkeit in Millionenhöhe auch noch über das Jahr 2000 hinaus anhalten ... Es kann also keine Rede davon sein, daß inzwischen eine, Wende am Arbeitsmarkt’ eingeleitet ist.“

Zwischen Eigenlob der einen Seite und Übereifer der anderen nimmt sich die vorsichtige Zuversicht der Forschungsinstitute am eingängigsten aus. Sie deuten die enttäuschenden Konjunkturzahlen des vergangenen Winters als eine Pause, der jetzt eine erneute Erholungsphase folgt. Das Wachstum bliebe also erhalten, das „Expansionstempo (wäre) dabei in diesem Jahr höher ... als in den ersten drei Jahren des Aufschwungs“. Selbst am Arbeitsmarkt könnte sich da ein Hoffnungsschimmer breitmachen: „Zum ersten Mal seit 1979 wird es sowohl im Verlauf als auch im Durchschnitt des Jahres zu einer Abnahme der Arbeitslosenzahl kommen.“

Reicht das wirklich für die Zuversicht à la Bangemann? Ehrlicherweise sollte man alle optimistischen Erwartungen im Konjunktiv ausdrücken. Höhere Ölpreise könnten die Hoffnungen auf das lange Leben des ohnehin nicht mehr jungen Aufschwungs schnell gefährden. Ohne billigen Dollar und billiges Öl wäre es mit der Null-Inflation schnell vorbei. Die „inlandsbestimmten“ Kosten und Preise steigen jetzt schon mit einer Rate von etwa zwei Prozent im Jahr – bei steigender Tendenz. Jeder kann sich ausmalen, was dann aus der Hoffnung auf einen bescheidenden Rückgang der Arbeitslosigkeit würde.

Selbst wenn die Zahl der Arbeitslosen am Ende dieses Jahres niedriger wäre als heute, ist das kein Grund zum Jubel. Sie ist heute, im vierten Jahr des Aufschwungs, um gut ein Viertel höher als 1982, in der „Talsohle“ des letzten konjunkturellen Zyklus. Massenarbeitslosigkeit wird uns durch die nächsten Jahre begleiten, und es ist traurig genug, daß wir uns alle an dieses Übel gewöhnen – außer den Betroffenen natürlich.