Eine Glosse unseres Mitarbeiters Hanno Kuhnert in der ZEIT Nr. 9, in der es – „Im Namen der Phantasie“ – um die Vornamensgebung ging, hat einen Leser in Brasilien zu dem folgenden kleinen Artikel darüber inspiriert, wie es die Brasilianer mit den Vornamen halten. Der Autor, Hochschullehrer, schreibt dazu: „Mir persönlich gefällt es sehr gut, daß es hier in Brasilien keinerlei Beschränkungen bei der Namensgebung gibt, und irgendwelche Frustrationen aufgrund eines unglücklich gewählten Namens sind mir bisher offenbar entgangen. Interessant finde ich jedenfalls die Beobachtung, daß ich mittlerweile nachdenken muß, um beispielsweise den Vornamen Mozart merkwürdig zu finden.“

Newton fehlt nun schon zum achtenmal. Aber vielleicht liegt es ja nur daran, daß momentan Thermodynamik auf dem Lehrplan steht. Vor mir haben es sich so um die fünfzig von den eingeschriebenen achtzig Studenten bequem gemacht, um bei der Vorlesung „Allgemeine Physik III“ zumindest anwesend zu sein. Allerdings ist es in der Tat heiß. Wir haben 14 Uhr Ortszeit und wegen der Umstellung auf die Sommerzeit fast noch Mittagshitze. Das Semester neigt sich seinem Ende zu, wir sind alle etwas erschöpft und erwarten sehnsüchtig die Ferien.

Washington ist der folgende Name auf der vom Computer ausgedruckten Liste, nach der ich die Anwesenheitskontrolle durchführe. Er ist, wie immer, präsent. Ein hoffnungsvoller Fall.

Den nächsten Namen – diesmal ist es ein längerer brasilianischer – bringe ich nur ansatzweise heraus, da meine phonetischen Bemühungen durch einen herzhaften Schlag auf die linke Schulter jäh unterbrochen werden. „Tudo bom, professor“, begrüßt mich Aristoteles, streckt den Daumen empor und strahlt mich an. Er kommt grundsätzlich etwas später in die Vorlesung, ist seit siebzehn Semestern an der Universität eingeschrieben, und immer gab es unglückselige Umstände, welche dem erfolgreichen Abschluß eines Kurses entgegenstanden. Auch diesmal sieht es schlecht aus für ihn, doch ist er hart im Nehmen, und seine Zuversicht bleibt ungebrochen. Später, nach der Vorlesung, wird er mir selbstbewußt berichten, daß er sein fünftes Kind, diesmal ein Sohn, auf den Namen Beckenbauer hat taufen lassen.

Originelle Namensgebung hat hier durchaus ihre Vorteile, denn rund ein Drittel meiner Studenten heißt entweder Maria, José oder beides: Maria José, beziehungsweise José Maria – je nach Geschlecht.

Nach der Arbeit, es wird nun merklich kühler, fahre ich ins Zentrum unserer kleinen Stadt in der Provinz und bummele vom Parkplatz zum Postamt. In der Fußgängerzone kommt mir Herr Hitler José Pereira erfreut entgegen, ein stadtbekannter Jurist. „Hallo Hitler“, sage ich und reiche ihm die Hand zum Gruße.

Obwohl ich langsam gegangen bin, wird mir schon wieder warm. Und dabei war die ganze Fahrt in das Zentrum überflüssig, denn mein Postfach war leer. Zum Trost setze ich mich in meine angestammte Eckkneipe und bekomme eine arktisch kalte Flasche Bier der Marke Antarctica. Hier sitze ich hin und wieder gern, schaue mir das bunte Getümmel auf der Straße an und könnte heute zum Beispiel über Vornamen philosophieren, wofür das Telephonbuch eine wahre Fundgrube ist. Jener Herr dort könnte Hamilton heißen, oder vielleicht Alba? Diesen hier könnte ich MacArthur nennen, oder auch Hindenburgo. Weitere Möglichkeiten wären Marco Polo, Maxwell, Mozart, Napoleon, Rubens, Wagner, Wellington usw. Wie gesagt, das Telephonbuch ...