Beim Bau der bemannten Raumstation fügen sich die Europäer den amerikanischen Wünschen

Von Anatol Johansen

In der Schwerelosigkeit des Weltraums verlor schon so mancher Astronaut seine Orientierung, worauf ihm schrecklich übel wurde. Eine besondere Form der Raumfahrt-Orientierungslosigkeit scheint hin und wieder die Europäer heimzusuchen – vor allem, wenn es um gemeinsame Großprojekte mit der bemannten amerikanischen Raumfahrt geht.

Vor Jahren schon übergaben sich die in der Raumfahrtagentur ESA zusammengeschlossenen Europäer, als sie ihren Kollegen von der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa das für gut zwei Milliarden Mark in Bremen gebaute Weltraumlabor („Spacelab“) quasi gratis übereigneten.

Nun bahnt sich bei der europäischen Beteiligung an der ständig bemannten amerikanischen Raumstation ein ähnliches Geschäft an: Die ESA wird nicht das bauen, was ihre Experten für sinnvoll halten, sondern was der Nasa gefällt.

Die Amerikaner hatten, nicht zuletzt aus Gründen der Kostenteilung, vor zwei Jahren ihre westlichen Verbündeten eingeladen, beim Bau der Space Station mitzuwirken. Im Januar 1985 erklärten sich die Europäer in Rom bereit, auf eigene Kosten und für rund sieben Milliarden Mark ein Bauteil mit dem schönen Namen „Columbus“ beizusteuern.

Columbus sollte ursprünglich aus vier wesentlichen Teilen bestehen. Als Kernstück sahen die europäischen Planer eine große bemannte Kabine (im Fachjargon: „Pressurized Module“) vor, die an die amerikanische Raumstation angeflanscht werden sollte. Die zweite Komponente war eine unbemannte, neben der eigentlichen Raumstation um die Erde kreisende Instrumentenplattform geplant („Co-orbiting Platform“ genannt); auf ihr sollten Teleskope und andere wissenschaftliche Geräte montiert werden, die wegen des Störfaktors Mensch auf der bemannten Station schlecht untergebracht wären. Eine ähnliche, ebenfalls unbemannte Plattform hätte auf einer ganz anderen Bahn über beide Pole der Erde fliegen sollen („Polar Platform“).