Von Rolf Ackermann

Alle Städte im Inneren Marokkos haben Sklavenmärkte, ... man sieht dort Muselmanen mehrmals im Jahr offen ihren Bedarf an elendem, menschlichem Vieh decken, eine Frau für eine Ziege, ein Kind für ein Paket Salz.“

Seine Eminenz, Monsignore Lavigerie, Primus von Afrika und Bischof von Karthago, Algier und Tunis war es, der da im Jahre 1888 seinem Zorn über den Sklavenhandel in Nordafrika Luft machte. Knapp vier Jahre zuvor hatten die europäischen Mächte auf der Berliner Kongo-Konferenz die Verpflichtung ratifiziert, „über die Erhaltung der Eingeborenen zu wachen und auf die Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels hinzuarbeiten“. Der Anti-Sklaverei-Bischof mußte nun eingestehen, daß sich an der Erkenntnis des englischen Afrika-Forschers Lovett-Cameron kaum etwas geändert hatte. Der nämlich, wie auch sein berühmterer Kollege David Livingstone, hatte resümiert: Die Sklaven Schwarzafrikas werden in den Süden der Berberstaaten transportiert. Gemeint war damit insbesondere Marokko.

Der noch immer florierende Menschenhandel auf dem Schwarzen Kontinent rief gar Papst Leo XIII. auf den Plan. In seiner Enzyklika vom 5. Mai 1888 schleuderte er einen verbalen Bannstrahl gegen Nordafrika. „Da nämlich die Muhamedaner den verkehrten Satz aufgestellt haben, die Äthiopier und ähnliche Völker ständen kaum etwas höher als das Tier, kann man nur schaudernd die Niedertracht und Unmenschlichkeit jener Leute ansehen. Männer, Weiber und Kinder werden gefangen, gebunden fortgeführt und mit Gewalt auf die abscheulichen Sklavenmärkte geschleppt.“

Abenteuer Afrika

Die Empörung unter den europäischen Christen war groß. In Marokko aber verhallte solchermaßen christliches Geschrei ungehört. An dem Selbstverständnis der Muselmanen in ihrer Einstellung zu Schwarzafrikanern vermochte auch ein Papst nicht zu rütteln. Neger gleich Sklaven! Vor rund hundert Jahren war das in Marokko eine populäre These.

Aber die Wellen der europäischen Aufklärung schwappten schließlich auch bis ins südliche Marokko. Dort wo störrische Berber- und Arabersouveräne nicht so recht mochten, halfen die französischen Kolonialherren mit brachialer Gewalt nach. Zuletzt im Jahre 1938. Lang, nein, gar nicht so lang ist’s her. Dennoch: Berührungspunkte mit diesem eher unrühmlichen Kapitel der marokkanischen Geschichte hat der Besucher heute kaum. Wohl nur gelegentlich fragt ein aufmerksamer Tourist seinen Fremdenführer, warum die Bewohner des Draa-Tals in Südmarokko „so schwarz“ sind. Die Antwort ist in der Regel lapidar. Es sind die Nachkommen ehemaliger Sklaven.