Die klammheimliche Freude im Kreml über Amerikas titanische Desaster mit Raketen und Raumfahrt hat nicht lange gewährt. Die Katastrophe im Atomkraftwerk der ukrainischen Stadt Tschernobyl ist so groß, daß Moskau entgegen früherer Gewohnheit knapp, aber kurzfristig über die Einsetzung einer Regierungskommission informierte. Wie sich die Bilder nun wieder gleichen. Hüben die unglaublichen Nachlässigkeiten der Nasa, nur um die Nase vorn zu haben. Und drüben haben Ingenieure, Physiker und Reporter die Kernkraftwerke jahrelang mit lyrischen Schutzhüllen umgeben, die aus Urlaubsprospekten stammen könnten. Vom „Aufgang der Atomsonne für die sowjetischen Menschen“ sang eine Leningrader Zeitung.

In Wahrheit kennzeichneten vier Merkmale die Entwicklung dieser Kernkraftindustrie seit den sechziger Jahren: gigantische Pläne, dilettantische Praxis, ungenügende Sicherheitsvorkehrungen und versteckte Opposition einzelner Wissenschaftler, weil die Anlagen im dichtbesiedelten Westen und in der Nähe großer Städte entstanden. Erst 1983 ließ ein Strafgericht über die riesige Reaktorfabrik Atommasch erkennen, wie sehr die ungefilterte „Atomsonne“ inzwischen auch den Verantwortlichen auf der Haut brannte. Jahrelang, so hieß es nun, habe das Werk „Objekte mit großen Mängeln“ in Betrieb gehen lassen. Nun scheint etwas davon in die Luft gegangen zu sein – wie im Falle der Nasa die voraussehbare Folge eines rücksichtslosen Programms. Das falsche Selbstvertrauen in die Kraft, die aus der Technik kommt, vereint die beiden Supermächte in Verletzlichkeit. C. S.-H.