„Das Pfennig-Magazin“ als Nachdruck

Von Karl Riha

Ende des ersten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts, Vormärz-Ära: Die politischen Forderungen der Zeit zielten auf die Aufhebung der Zollschranken zwischen den deutschen Duodezfürstentümern und auf die Beseitigung der Handels-, Wirtschafts- und Wissenschaftsbarrieren, die den Aufstieg der zerstückelten Nation zum modernen Industriestaat hinderten, – Und natürlich auf die Freiheit der Presse, die noch allenthalben durch Zensurmaßnahmen geknebelt war. Doch einmal ausgebrochen, war die Lesewut nicht mehr zu bremsen: Zwar ließen sich nach wie vor mißliebige Literaten – wie Börne und Heine – aus dem Land jagen, aber überall schossen neue Zeitschriften aus dem Boden, die sich den neuen Lesebedürfnissen stellten. In der jüngst erschienenen Bibliographie „Deutsche Literaturzeitschriften 1815-1850“ von Alfred Estermann macht allein das Titelregister der publizistischen Neugründungen dieses Zeitraums über sechzig eng bedruckte Buchseiten aus.

In diesen interessanten Gründer-Zusammenhang gehört auch das Periodikum Pfennig-Magazin. Man achte im Leben oft „weder den Werth eines Pfennigs, noch einer Minute“, dabei liege es doch auf der Hand, daß „einige wenige, täglich wohl angewendete Minuten im Laufe der Woche Stunden und im Laufe des Jahres Tage bilden“, mit denen sich leicht „Etwas für den Thätigen Ehrenvolles und für die Mitbürger Nützliches“ vollbringen ließe; lege man täglich nur einen Pfennig beiseite, und dies über Wochen und Monate mehrerer Jahre hin, sammle sich spielend ein kleines Vermögen, das dann als „Quelle“ eines „tugendhaften Genusses“ dienen könne: Diesen doppelten – auf die sparsame und nützliche Anwendung von Zeit und Geld gemünzten – Appell will die Zeitschrift mit dem Titel Das Pfennig-Magazin auf sich selbst angewandt wissen. Mit wöchentlicher Erscheinungsweise („erscheint jeden Samstag“), einer rasch von fünfunddreißig auf über hunderttausend gedruckte Exemplare kletternden Auflage, zumindest in den „mittleren Klassen“ für jedermann erschwinglich, handelt es sich um einen neuen, durch seine reiche Bebilderung auffallenden Zeitungs- und Zeitschriftentypus, der sich in populärer – illustriertenartiger Form die „Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse“ (wie es im Untertitel ausdrücklich heißt) zum Ziel genommen hat. „Die Zeitschriften sind überall das Werkzeug der Verbreitung der Bildung und Vereinigung“, unterstreicht ein einschlägiger Artikel, „und eine wahre Geschichte des Vorwärtsschreitens eines Volkes in der Politik, in den Künsten und Wissenschaften, in Gewerben und Handthierungen jeder Art, in allen Lebensgenüssen und Bequemlichkeiten“.

Das unmittelbare Vorbild lieferten amerikanische Penny-Papers, das Londoner Penny-Magazine und seine Pariser Imitation. Inhaltlich offerierte man hier wie dort eine bunte – unterhaltsame – Mischung aus „Vergangenheit und Gegenwart, Himmel und Erde, Land und Meer“. Die Tagespolitik blieb ausgespart, sieht man von gelegentlichen Anspielungen und einer als Ausnahme auffälligen Sonderbeilage nach dem mißglückten Attentat auf Louis-Philippe (1838) ab; aber Woche für Woche erinnerte eine feste Spalte an wichtige historische Daten, darunter auch an die Französische Revolution von 1789 und manches andere brisant gebliebene Ereignis. Als Bodensatz findet man noch Artikel, wie man sie um die Jahrhundertwende etwa im Magazin des Außerordentlichen und Museum des Wundervollen antreffen konnte, das Jagd auf Kuriositäten im Bereich der Natur und des Übersinnlichen machte. An die Stelle des Sonderbaren und Phantastischen tritt nun jedoch das Reale und Nützliche als Kriterium. Pflanzenwelt und Tierreich, Geographie und Geschichte werden zur schier unerschöpflichen und immer wieder mit Überraschungen aufwartenden Fundgrube exakten Wissens. Vor allem drängen die modernen technischen Wissenschaften nach vorn und lehren die „neuen Wunder“, die „Master Fortschritt“ mit „Mikroskop“, „Telegraph“, „Dampfmaschine“ und „Eisenbahn“ zu bereiten weiß. So verwundert es denn auch nicht, daß die Zeitschrift – mit Artikeln und Abbildungen zu „Schnellpresse“, „Reliefstahlstiche“ und „Maschine des endlosen Papiers“ – gerade auch jene technischen Neuerungen beleuchtet, denen sie elementar ihr Erscheinen und ihre massenhafte Verbreitung verdankt.

Was die Entwicklung neuartiger Bild-Reproduktionstechniken wie den industrialisierten Holzschnitt und die Stereotypie angeht, die einen eigenen Bilder-Journalismus und eine ihm entspringende Illustrierten-Presse überhaupt erst ermöglichten und ihren optischen Sensationswert ausmachten, so gab es freilich auch unter den Zeitgenossen schon Skeptiker. So sprach der Wiener Journalist Ferdinand Kürnberger – einer der Mitbegründer des „Wiener Feuilletons“ – in einem seiner zeit- und zeitungskritischen Aufsätze geradezu von der „Flucht ins Bild“ und merkte an: „Es läßt sich darüber nachdenken, wie es gekommen, daß das Illustrationswesen in unseren Tagen zur Sintflut angeschwollen ist. Schmeichelhafte Schlüsse auf den Geist des Zeitalters dürfte dieses Nachdenken kaum ergeben.“ Denn: Eben dieses „böse Zeichen der Zeit“ kündet ihm allenfalls von „geistiger Näscherei“, „erloschener Phantasie“, „Verflüchtigung“, „Zerstreutheit“.

Was fängt der Leser mit diesem Zeitschriften-Reprint (die ersten zehn Jahrgänge des Pfennig-Magazins 1833-1842, in Kassette, insgesamt mehr als 4000 Seiten) an? Er erhält ein kulturgeschichtlich interessantes Presse-Dokument, dessen Originalhefte im Antiquariatshandel kaum noch auftauchen; auch wenn er sich nicht quer durch diesen Papierberg hindurchliest, sondern nur blättert, stößt er auf diesen und jenen Artikel, der ihn – über die Kluft der Zeit hinweg – für einen Augenblick in Bann zu schlagen vermag. Wem das – als Garantie – nicht genügt, der sei an die Notiz des Herausgebers verwiesen, daß man für den Nachdruck das „Hand-Exemplar“ aus der Bibliothek von Arno Schmidt benutzt habe. Geht man diesem Hinweis nach, stößt man auf der Innentitelseite des dritten Jahrgangs auf eine handschriftliche Eintragung des „Meisters“, die besagt: „hoch wichtig“, „1926 ... zum erstenmal gesehen, und durchgelesen; auch ’28 und späterhin noch“.

„Das Pfennig-Magazin der Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse“, Leipzig 1833 ff. – Reprint der ersten zehn Jahrgänge, herausgegeben von Reinhard Kaiser; Greno Verlag, Nördlingen, 1985; 199 DM