Die Präsidentin‘ ist nicht mehr als eine schlechte Übersetzung der ‚Madame Bovary‘“, schrieb Luis Bonfoux y Quintero in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts über den neu erschienenen Roman seines Zeitgenossen Leopoldo Alas, der sich „Clarín“ – der „Hornist“ – nannte. Andere Kritiker stimmten mit diesem Vorwurf des Flaubert-Plagiats überein, und nicht zu Unrecht verschwand das Buch nach wenigen Jahren wieder in der Versenkung. Wieso wird es jetzt plötzlich als Wunderwerk der spanischen Literatur gepriesen? Wen sollen die schwülstigen Gedanken der Präsidentin, der ungleich banaleren spanischen Schwester der Madame Bovary, eigentlich noch faszinieren?

Zunächst die Geschichte: In einer regnerischen, spanischen Provinzstadt langweilt sich Ana de Ozores, die Schönheit des Ortes – eine vornehme, etwas hysterische Dame. Ihr Mann, ein pensionierter Gerichtspräsident, interessiert sich nur begrenzt für die Tristesse seiner wesentlich jüngeren Frau und geht, anstatt artig mit ihr Konversation zu machen, lieber auf die Jagd. Um den eintönigen Alltag auszufüllen, wendet sich Ana deshalb zunächst der Religion und später dem lokalen Weiberhelden Don Alvaro Mesía zu.

Mehrere hundert Seiten kreisen hauptsächlich um die Probleme beim Wechsel eines Beichtvaters, während die nächsten hundert Seiten den Leser damit zu packen versuchen, daß er erfährt, wie sich ein spanischer Provinz-Don-Juan vom Augenzwinkern bis zum Kniefall an seine Auserwählte heranpirscht. Nach 700 der 835 eng bedruckten Seiten ist der Don Juan dann endlich am Ziel seiner Anstrengungen. Auch die episch breiten Schilderungen der Migränen, Melancholien und Gewissensbisse der nicht sehr mutigen Ehebrecherin nebst den seichten Gedanken ihres Beichtvaters und des Liebhabers finden ein Ende. Der Leser dankt es: Die Launen der Ana de Ozores ermüden, sie sind, um wieder auf Flaubert zu kommen, gekünstelter, lebensfremder als die der Emma Bovary, und im Vergleich zur Bovary bleibt die Präsidentin eine Klischeefigur.

Trotzdem hat Clarins Roman brillante Passagen, dann nämlich, wenn der Autor, der (als Juraprofessor) selbst in einer Provinzstadt lebte, mit viel Sarkasmus und pointierter, bildreicher Sprache über die spanische Gesellschaft herzieht: über ehrgeizige Kirchenhierarchen, die ihre Reichtümer mehren, dünkelhafte Provinzadlige, die sich mit langweiligen Diners die Zeit vertreiben, und aufstrebende Bürger, die nach einer Einladung bei diesen Adligen dienen. Sie alle werden bis ins Detail und herrlich böse karikiert, man bekommt Lust, Clarins Satiren zu lesen, die er in Madrider Zeitungen veröffentlichte.

Im Roman allerdings reichen diese verstreuten Bösartigkeiten nicht aus, um den Leser durch die mehr als achthundert Seiten zu locken. „Die Präsidentin“ – übrigens das einzige Werk Clarins, was überhaupt Resonanz fand – bleibt allein historisch interessant. Irene Mayer-List

Clarín: „Die Präsidentin“, aus dem Spanischen von Egon Hartmann; Insel Verlag, Frankfurt, 1985; 880 S., 48,– DM.