„Die Ungeliebte“, von Arnost Lustig. Kurz bevor die 17jährige Perla Sch. in einen Güterwagen der Deutschen Reichsbahn verfrachtet und von Theresienstadt an der Eger nach Auschwitz deportiert wurde, kritzelte sie noch aufs linierte Papier: „Ich werde fahren, wohin nahezu alle schon gefahren sind. 22. Dezember 1943.“ So lauten die letzten Zeilen eines fiktiven Tagebuchs, das der gebürtige Prager Arnost Lustig verfaßt hat und dessen tschechische Erstausgabe 1979 in Toronto (Kanada) erschienen ist. Der Autor – der selbst im nordböhmischen KZ Theresienstadt inhaftiert war, 1945 aus. einem Todestransport floh und heute an der Universität Washington Literaturwissenschaft lehrt – kommt mit dieser epischen Form dem unsagbaren Grauen näher als manch historische Beschreibung. Es sind Notizen aus den „Wohnungen des Todes“, so einfach wie eindringlich formuliert; es sind empfindsame Beobachtungen eines jüdischen Mädchens, das als Prostituierte auf einem Dachboden versteckt zumindest für fünf Monate der peniblen NS-Lagermaschinerie entrinnen kann. Von Liebe ist bei ihren Zusammenkünften mit einem Nazi-Offizier und anderen Häftlingen nicht die Rede. Das kann an diesem Ort auch gar nicht sein, wo es ums bloße Überleben, um das Hinauszögern des Holocaust geht. Nach dem Abschiedsgespräch mit ihrer Freundin, die ein paar Tage vor ihr nach Auschwitz abtransportiert wurde, notiert die Siebzehnjährige in ihr Tagebuch: „Der Teufel sieht wie ein Soldat in Uniform aus, wie ein Beamter mit Weste und einer Taschenuhr, die er nie aufzuziehen vergißt... Und wenn er spricht, dann spricht er deutsch.“ (Aus dem Tschechischen von Andreas Roschal; Roitman-Verlag, München; 157 S., 27,80 DM.)

Werner Hornung