Um Nutzen oder Schaden der Märchen, eine Form der Volksliteratur, die viel geliebt und viel strapaziert worden ist, hat es lange ideologiekritische Diskussionen gegeben. Eine Vielzahl der Soziologen nennt ihre Inhalte bedenklich bis katastrophal, eine Mehrzahl der Psychologen sieht sie als schönes und nützliches Instrument kindlicher Bewußtmachung. Für die einen trügerischer Fluchtort aus der Realität, für die andern erste Hilfe in Mustern und Bildern, die das Kind behutsam lehren, die Welt der Erwachsenen zu begreifen. Bruno Bettelheim hat vor fast zehn Jahren mit seiner lapidaren Forderung „Kinder brauchen Märchen“ eine Renaissance der Märchen eingeleitet. Wenn Kinderbuchautoren heute dieses Genre der Erzählung wieder benutzen, können sie es im Gefühl tun, daß die Verteufelung und rigorose Denunziation aller Märchen aus den siebziger Jahren einer differenzierten Betrachtung gewichen ist.

Irina Korschunow hat in ihrer Märchenerzählung-

Irina Korschunow: „Jaga und der Kleine Mann mit der Flöte“; dtv junior Taschenbuch, Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 54 S., 7,80 DM

die klassischen Grundmuster gewählt. Die Hexe Jaga bläst ihre finsteren, zerstörerischen Gedanken in die Trompete. Wie schwarze todbringende Vögel schwirren die Töne unter die Menschen der Stadt, infizieren sie mit Bosheit, Gemeinheit, Destruktion. Jagas Gegenspieler ist der Kleine Mann, ein friedlicher Flötenspieler, der mit zartem Spiel nur gute Gedanken schickt: es sind sanfte silberne Vögel, die harmonische Stimmungen stiften. Natürlich gelingt es Jaga mit ihren Hexentricks, den Kleinen Mann in ihre Gewalt zu bekommen, sie macht ihn stumm und ohnmächtig. Wunder und Rettung bringt ein kleiner Vogel. Korschunow verwendet in dieser schlichten Geschichte ganz unbefangen die Topoi und archaischen Muster der Märchen, beschreibt den zähen Kampf zwischen Liebe und Haß, zwischen Hoffnung und Destruktion.

Die Hexe Jaga in Korschunows Geschichte ist Abbild jener fürchterlichen Baba Jaga aus dem russischen Märchen von der wunderschönen Wassilissa. Während die Baba Jaga in einer Hütte haust, die von einem Zaun aus Menschenknochen mit Pfählen aus Totenschädeln umgeben ist, hat Korschunows Jaga nur einen giftigen Garten und düstere vernichtende Gedanken.

Gezähmte Bilder also ohne ausladende Scheußlichkeiten. Auch Annegert Fuchshubers Bilder stimulieren keine Horror-Phantasien. Sie verwendet die größte malerische Sorgfalt auf das Porträt des gutmütigen Männchens, das friedvoll auf einer himmelblauen Bank unter einem Apfelbaum seine Lieder bläst. Ein bunt und freundlich illustriertes Märchen – hübsche Lektüre für Leseanfänger.

Ende der sechziger Jahre, als unter den sogenannten linken Kinderbuchautoren das Phantastische einem sehr verengten Realismusbegriff weichen mußte und manche Texte statt Aufklärung Indoktrination lieferten, gehörte Heinrich Hannover bereits zu den wenigen, die unbekümmert und souverän Wirklichkeit und Utopie märchenhaft vermengten, mythische und staatliche Autoritäten dabei witzig in Frage stellten. Damals entstand das „Pferd Huppdiwupp“ und andere Geschichten. Mit den „Birnendieben vom Bodensee“ und seinen Mitmachgeschichten hat Hannover diese lockere assoziative Erzählform von Kurz- und Kürzestgeschichten fortgesetzt.