Ich glaube, alle meine Gestalten sind autobiographisch“, erklärte Leo Lionni, der große alte Mann des Künstlerbilderbuchs, vor Jahren in einem Interview. Das mag überraschen, handelt es sich bei Lionnis Figuren doch um Tiere, Fische, Schnecken, Vögel, Frösche, Krokodile, Kaninchen und Schlangen – und immer wieder um Mäuse. Dies ist jetzt einprägsam zu besichtigen in seinem neuesten Buch, dem Sammelband –

Leo Lionni: „Frederick und seine Freunde“, mit einer Einleitung von Bruno Bettelheim; Verlag Middelhauve, Köln; 148 S., 35,– DM.

Hier hat Lionni sich selbst und uns, den Lesern – und das sind Kinder und Erwachsene – anläßlich seines 75. Geburtstags im letzten Jahr ein besonderes Geschenk gemacht. Aus seinem reichen Œuvre wählte er eigenhändig Texte und Bilder aus, die ihm am wichtigsten waren und in ihrem Ensemble stellvertretend für sein gesamtes Bilderbuchschaffen stehen können. Titel- und Zwischentitelbilder gestaltete er neu, indem er kleine Landschaften aus Blättern, Käfern und Schmetterlingen erfand, die die unterschiedlichen Geschichten und Bildtechniken zu einer überzeugenden Einheit verschmelzen.

Ein Buch also wie aus einem Guß, das dennoch das künstlerische Schaffen des Italo-Amerikaners Lionni aus den Jahren 1963 („Swimmy“) bis 1983 („Cornelius“) spiegelt. Diese Einheitlichkeit hängt sowohl mit seinem bildnerischen Stil als auch der spezifischen Art seiner Geschichten zusammen. Sein Stil – „eigentlich habe ich gar keinen“ – ist geprägt von einer Vielfalt graphischer Mittel und formaler Elemente: Buntstift, Pastellkreide, Stempeldruck, Collage und verschiedene Mischtechniken setzt Lionni auf sehr unterschiedliche Weise ein. Ob Wasserlandschaft oder Felsgestein, Kaninchengarten oder Schneckenwelt – das macht für ihn einen so grundlegenden Unterschied, daß er, um dies atmosphärisch überzeugend zu vermitteln, eine je spezifische, oft „gemischte“ Technik entwickelt. Den klaren einprägsamen Bildmustern entsprechen einfache Texte mit eindeutiger Moral. „Stil“, sagt Leo Lionni, der promovierte Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Artdirektor der New Yorker Zeitschrift Fortune, „ist eine Methode, geradewegs ins Herz der Situation zu gelangen“, und „Stil haben, bedeutet klar und ohne Umschweife auszudrücken, wovon die Rede ist“.

In dem Sammelband „Frederick und seine Freunde“ stellen Lionnis einleuchtende Fabeln und Bildtafeln diese Qualität erneut unter Beweis. Was sich in den Original-Bilderbüchern kontinuierlich und dramaturgisch durchaus berechnet über mehrere Seiten entwickelt und seine Korrespondenz in einfallsreichen Bildern und überraschenden Motiven findet, ist jetzt, bei ungekürztem, gleichlautendem Text auf engerem Raum zusammengefügt. Die Texte erhalten in der optisch komprimierten Zusammenstellung mehr Gewicht, sie werden zu Lese-, zu Vorlesetexten. Und sie halten stand. Von den Bildseiten sind jeweils die besten ausgewählt, und zwar diejenigen, die den Gang der Geschichte auf den Punkt bringen, die „ins Herz der Situation“ treffen: der Waldboden aus der Schneckenperspektive („Das größte Haus der Welt“), die musizierende Käsemaus in der Abenddämmerung („Geraldine und die Mauseflöte“), die Drachenschlange („Im Kaninchengarten“). Die „Gesammelten Bilderbuchgeschichten“ verdeutlichen einmal mehr, wozu der Moralist Leo Lionni seine poetische Text- und Bildersprache einsetzt: um eine einfache Geschichte derart zu erzählen, daß sie im Kopf des Lesers und Betrachters wachsen kann, Einsichten und Wahrheiten vermittelt und – nicht zuletzt – Gefühle anspricht.

Für diese Art zu erzählen, steht immer noch allen voran die Titelgeschichte des Buches. „Frederick“, das ist die Geschichte von der Maus, die für den Winter statt Nahrung Sonnenstrahlen, Farben und Wörter sammelt und mit ihren Vorräten schließlich Wintergrau und Kälte vertreibt. Lionni, der vielseitige Malerpoet, kam auf diese Idee, nachdem er einer „echten“ Maus beim Sammeln zugesehen hatte. Wozu das alles? Und: wozu sammelte er selbst leidenschaftlich ebenso nutzlose wie schöne Dinge? In diesem Sinn sind „Frederick“ und mit ihm viele seiner Freunde autobiographisch. Barbara Scharioth

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