Von Rudolf Herlt

Karl Schiller zitierte Konrad Adenauer, der bei einem seiner späten Geburtstage gesagt hat: „Ich habe heute so viele schöne Reden gehört, aber ich habe sie auch verdient.“ Auf einem Empfang, zu dem die Landeszentralbank Hamburg aus Anlaß seines 75. Geburtstages gebeten hatte, fügte er in seinem Dank auf vier ihn preisende Redner hinzu: „So hilft einem der alte Herr auch heute noch.“

Er hatte sich bei Schülern und Weggefährten für eine Festschrift zu bedanken, die sie zum Geburtstag unter dem Titel: „Die Zukunft der Globalsteuerung“ auf den Markt brachten. Festschriften, meditierte Schiller, würden heute nicht mehr als solche kenntlich gemacht, da sie sonst wohl nicht verkäuflich wären. Und das stimme doch nachdenklich. Er werde die Festschrift sorgfältig daraufhin durchlesen, ob sie auch einen Treffer enthalte. Denn, so philosophierte er weiter, nur Narren bleiben bei der gleichen Überzeugung. Ein Mensch müsse dazulernen. Er jedenfalls wird sich gewissenhaft fragen: „Denkst du noch genauso wie vor eineinhalb bis zwei Jahrzehnten? Möglicherweise befassen sich die Autoren der Festschrift mit Themen, die ich längst hinter mir gelassen habe.“

Das ist typisch Karl Schiller, selbstsicher, nicht auf Lorbeeren ausruhend, klug, auf liebenswerte Weise mit der Eitelkeit kokettierend. Dergleichen ist heutzutage selten aus Politikermund zu hören. Dabei hätte gerade Schiller allen Anlaß, voller Stolz auf seine Leistungen als Wirtschaftspolitiker zu verweisen. Unter den Bundeswirtschaftsministern, die dem Vater der sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard, folgten, war er der bedeutendste. Dieses Urteil setzt andere – Friderichs, Lambsdorff, Bangemann – nicht im geringsten herab. Erhard hat das Fundament gelegt, Schiller hat darauf in schwerer Zeit ein imposantes Gebäude errichtet.

Als nach dem Sturz Erhards im Spätherbst 1966 die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD gebildet wurde, übernahm Schiller im Kabinett Kiesinger das Amt des Bundeswirtschaftsministers. Das Amt bietet wenig Möglichkeiten, Wirtschaftspolitik zu machen. Die Instrumente der Geldpolitik liegen bei der Bundesbank, die der Finanz- und Steuerpolitik beim Bundesfinanzminister und beim Parlament. Der Wirtschaftsminister ist, von der Wettbewerbs- und Außenwirtschaftspolitik abgesehen, nur der Prediger, der den Menschen die strengen Gebote der reinen Lehre ins Bewußtsein heben muß, damit sich möglichst viele so verhalten, daß die marktwirtschaftliche Ordnung funktioniert.

Schiller war ein wortgewaltiger Prediger. Er hat sich nicht darauf beschränkt, immer wieder die gleichen Texte vorzutragen. Er hat mit einem untrüglichen journalistischen Sinn für einprägsame Formulierungen erreicht, daß ihm die Menschen auch zuhörten. „Soviel Wettbewerb wie möglich und soviel Staat wie nötig“, leuchtet jedem ein, der im Spannungsverhältnis zwischen der Steuerung durch den Markt und der Lenkung durch den Staat eine wirtschaftspolitische Aufgabe sieht. Unter seiner Regie wurde das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz geschaffen, ein Drehbuch für wirtschaftspolitisches Handeln, das sich am berühmten magischen Viereck orientierte: an der Preisstabilität, an einer möglichst hohen Beschäftigung, am außenwirtschaftlichen Gleichgewicht im Dienst eines kontinuierlichen Wachstums.

Weil er erkannte, daß wir nicht nur eine leistungsfähige, sondern auch eine sozial befriedete Gesellschaft brauchen, hob er die Konzertierte Aktion aus der Taufe. Am „runden Tisch der kollektiven Vernunft“ versammelte er Vertreter der Gewerkschaften, der Arbeitgeber und der Regierung zur gegenseitigen Unterrichtung. Sie ist heute in Verruf geraten, aber falsch ist diese politische Methode trotzdem nicht. Aus Schillers Prägeanstalt für Metaphern, die sich einprägten, stammt auch das Wort von der „sozialen Symmetrie“, womit er sagen wollte, daß Vorteile für die Arbeitgeber durch Vorteile für die Arbeitnehmer (und umgekehrt) neutralisiert werden müssen.