Locken, anschleichen, abdrücken – die Tricks der Tierphotographen

Von Carl-Albrecht v. Treuenfels

Mit weicher Kamera photographieren Sie?“ lautet fast immer die erste Frage, sobald man als Naturphotograph erkannt ist. Ich habe auf die stets wiederkehrende Frage eine gleichbleibende Antwort: „Mal mit dieser, mal mit jener.“ Es gibt heute so viele hervorragende Kameras mit entsprechendem Zubehör, daß der Jagderfolg in der Tierphotographie erst in zweiter Linie von der Ausrüstung abhängt. Es kommt entscheidend darauf an, sich im Stundenplan der Natur auszukennen, mit dem Verhalten der freilebenden Tiere vertraut zu sein.

Ob man sich dem Wild mit der Kamera oder mit dem Gewehr nähern will, macht zwar im angestrebten Ergebnis einen großen Unterschied, nicht aber in der Methode. So ist denn auch mancher erfolgreiche Tierphotograph bei einem erfahrenen Jäger in die Schule gegangen oder hat sich zumindest mit einigen Grundregeln waidmännischer Kunst, mit Pirsch und Ansitz vertraut gemacht. Und er weiß, daß die gelegentlich von einigen Zeitgenossen schon als penetrant empfundene grüne Kleidung nicht Ausdruck eines Zunftdenkens, sondern zweckmäßige Anpassung an das Umfeld ist.

Nicht gerade in feinen Loden gehüllt, aber doch in den Farben der Natur mache auch ich mich in der Regel ans Werk – in aller Herrgottsfrühe, wenn ich mich dazu aufraffen kann. Morgenstund’ hat nicht nur Gold im Mund, sondern hält oft auch Photoglück bereit. Das allerdings kann einem vergällt werden, bevor man das erste Objekt in den Sucher bekommt. Um im fremden Jagdrevier nicht als Wilderer mit der Kamera zu gelten, empfiehlt es sich, mit dem Jagdausübungsberechtigten (dem Eigentümer, dem Pächter oder dem Forstbeamten) vorher Kontakt aufzunehmen und die Erlaubnis für „freie Kamera“ einzuholen.

Ohne die Sorge, als Unruhestifter auf Trab gebracht zu werden, läßt sich der erste Pirschgang auf einen „Sprung“ (in der Jägersprache: kleine Schar) Rehe auch ganz anders an. Rehe – meine Güte, davon gibt es 1,6 Millionen in der Bundesrepublik, doppelt so viele wie Hasen; da kann es ja nicht so schwer sein, von ihnen gute Bilder zu machen. Weit gefehlt. Die Redakteure von Jagd- und Naturzeitschriften, ständig mit Bildangeboten überhäuft, wissen es besser. Und die fünf Rehe, die da auf einem Wiesenstreifen zwischen einem Birkenwäldchen und einem ehemaligen, jetzt mit Brennesseln und Weidenbüschen bewachsenen Torfmoor im Morgendunst äsen, wissen es wohl auch – und zeigen wieder einmal, wie gewitzt sie sind.

Ablenkungsmanöver