Von Ulrike Rudberg

Sofia, im April

Auf der Straße in Richtung Süden, siebzig Kilometer von der griechischen Grenze entfernt, hält uns vor der Stadt Kardshali der Polizist Todor Iwanow an. Er verbietet die Weiterfahrt. Wir hätten die Straßensperre – der Schlagbaum war offen und das Wärterhäuschen leer – ohne Erlaubnis überfahren. Nach kurzem Gespräch dürfen wir dann doch passieren, werden aber gleich wieder eingeholt. Todor Iwanow hat unser Auftauchen über Funk gemeldet, nun hat er neue Order erhalten: Nein, dies sei Grenzgebiet. Er begleitet uns zurück, später übernimmt eine Militärpatrouille die Führung. Ihre Begründung: Hier ist ein militärischer Sperrbezirk.

Auf einer kleinen Straße etwas weiter östlich der ersten Route versuchen wir einen zweiten „Durchstoß“ in Richtung Kardshali, einem Zentrum der türkischstämmigen Minderheit in Bulgarien. Hinter dem Dörfchen Most taucht wieder ein Schlagbaum auf. Diesmal dürfen wir nicht weiter nach Süden fahren, weil dort „Feuerschutzgebiet“ sei. Verlegenes Achselzucken, ein Telephonanruf: Wir brauchten eine offizielle Erlaubnis des Außenministeriums zur Weiterfahrt. Schließlich begleitet uns eine Polizeieskorte fast bis nach Plovdiv zurück.

Das alles geschieht, obwohl es in Bulgarien offiziell keine Sperrgebiete gibt. Das jedenfalls meldete vor einigen Wochen die amtliche Nachrichtenagentur BTA. Doch die Regionen um Kardshali-Ivajlovgrad-Madan im Südosten und um Popovo-Razgrad-Isperih-Alfatar im Nordosten sind seit eineinhalb Jahren ein „heißer Boden“ für die bulgarischen Behörden. Seltsames hat sich zugetragen: Der größte Teil der Bevölkerung dieser Gebiete lebt seit mehreren hundert Jahren in Bulgarien, ist türkischer Abstammung und islamischen Glaubens. Plötzlich fällt diesen Menschen zu Hunderttausenden ein, einen Antrag auf Namensänderung zu stellen. Der türkischstämmige Osman möchte jetzt den bulgarischen Namen Ivan tragen dürfen, Laila will unbedingt Lilia heißen.

Zumindest ist das die offizielle Erklärung für die massenhaften Umbenennungen, die im Dezember 1984 begannen. Nach bulgarischer Lesart gibt es in diesem Balkanland keine türkische Minderheit. Es soll sich bei dieser Bevölkerungsgruppe vielmehr um Bulgaren handeln, die während der 500jährigen Herrschaft des Osmanischen Reiches zwangsislamisiert wurden. Jetzt sind sie sich angeblich der Wirklichkeit ihres Ursprungs bewußt geworden und in den Schoß ihrer wahren Nation zurückgekehrt. So erklärte jedenfalls Regierungssprecher Bogdan Traikow ausländischen Journalisten den wundersamen Wandel.

Traikow verschwieg dabei nur, daß die Antragsformulare für die Namensänderungen zumeist von Sicherheitskräften und des Nachts den verschüchterten Türken überbracht wurden. In den größeren Orten kam es zu offenem Widerstand. Nach Angaben der Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International sind dabei mehr als 100 Menschen von der bulgarischen Armee und Polizei umgebracht worden. Amnesty International besitzt außerdem eine Liste von 250 Personen, die inhaftiert wurden. Nach Informationen ausländischer Diplomaten in Sofia sind die Festgenommenen auf eine Donau-Insel in der Nähe des Städtchens Belene deportiert worden.