Von Dieter Buhl

In Tokio soll sich der Westen einig und wohlgemut präsentieren. Dieser Wunsch der Japaner für den Gipfel der mächtigsten westlichen Industrienationen ist nicht bloß mit ihrem traditionellen Harmoniebedürfnis zu erklären. Es gibt auch konkreten Anlaß für fröhliche Mienen. Die Wirtschaft in den meisten Demokratien wächst und gedeiht. Niedrige Inflationsraten allerorten bestärken zusätzlich den Eindruck, daß die Basis für Wohlstand und Wohlbefinden erst einmal gesichert ist. Was sollte die großen Sieben also daran hindern, ihr Treffen in herzlicher Verbundenheit als Dankesmesse zu zelebrieren?

Das Verlangen nach Einheit und Zuversicht auf dem Gipfelplateau ist ohnehin nicht neu. Seit der ersten Weltwirtschaftskonferenz in Rambouillet vor elf Jahren stand Gemeinsamkeit stets oben auf dem Programm. Selbst wenn hinter verschlossenen Türen die unterschiedlichen Interessen aufeinanderprallten, wenn Mißtrauen und Ratlosigkeit sich breitmachten, verkündeten die Kommuniques noch jedesmal die Bereitschaft zum gemeinsamen Handeln. Den papierenen Beweis ihrer Tatkraft erbrachten alle Staats- und Regierungschefs gern. Der Gipfel als eine Art westlicher Kommandozentrale ließ sich doch trefflich zu eigener Profilierung für den Hausgebrauch nutzen.

Der schöne Schein wurde nur selten zerstört. François Mitterrand wagte nach dem Bonner Siebener-Treffen im vergangenen Jahr, wider Sie-Stachel zu locken. Er verurteilte die Gipfel damals als „eine Zeremonie, ein Protokoll mit Hunderten von Funktionären, tausend Journalisten und starrer Tagesordnung“. Seine Drohung, der nächsten Konferenz fernzubleiben, macht der Präsident dennoch nicht wahr. Statt dessen wird auch er mit der von Helmut Kohl geäußerten Hoffnung nach Tokio reisen, wenigstens einen „offenen und intensiven Meinungsaustausch“ zu erleben, wenn schon Beschlüsse nicht zu erwarten sind.

Es gibt Anlaß genug zu kollektivem Kopfzerbrechen, denn auch die günstigeren Wirtschaftsdaten können nicht verdecken, wie schütter der politische Konsens im Westen geworden ist. Für feierliche Erklärungen mag die Beschwörung der gemeinsamen Grundwerte reichen. In der alltäglichen Praxis wird mehr verlangt. Von einer abgestimmten Weltsicht der westlichen Partner ist jedoch im Moment nichts zu spüren. Sie sind sich weder bei der Einschätzung von Gorbatschows Charme- und Verhandlungsoffensive einig, noch treten sie bisher geschlossen gegen den Terrorismus an. Nicht einmal der ökonomische Aufschwung steht auf sicheren Füßen. Die gegenseitigen Ermahnungen beim Gipfelanstieg lassen vielmehr befürchten, daß die Suche nach Schuldigen für den nächsten Rückschlag der Weltwirtschaft schon begonnen hat.

Statt Koordinierung bestimmen Kontraste die Tokio-Ouvertüre. Aber wer kann heute im Westen schon den Ton angeben? Das Ensemble der Solisten auf dem Gipfel wird so leicht nicht einmal auf ein einziges Leitmotiv zu verpflichten sein, geschweige denn darauf, das weltpolitische Repertoire unisono zu spielen. Die Japaner werden sich auf die Höflichkeit des Gastgebers berufen und auch sonst alles unterlassen, was sie in den Mittelpunkt kritischer Aufmerksamkeit rückt. Mit Ronald Reagan erscheint kein strahlender Held von Tripolis, sondern ein Präsident, dem Weltraumpannen und trübere Wirtschaftsperspektiven zu schaffen machen. Die Bonner Equipe hat Franz Josef Strauß im Nacken. Margaret Thatcher leidet nach der Starterlaubnis für die US-Bomber unter dem Stigma einer Vasallin. Mitterrand und Chirac sind vollauf damit beschäftigt, untereinander außenpolitische Kompetenzen zu klären.

Wo die Führung so lädiert auftritt, ist Entscheidungsfreude kaum zu erwarten. Sie wird aber vor allem beim Thema Terrorismus verlangt. Ihre Bereitschaft zum Kampf gegen den Terror haben die Gipfelteilnehmer schon oft genug bekundet. Das geschah jedoch mit der gleichen Unverbindlichkeit, mit der auch die Bekämpfung der Armut oder die Schonung der Umwelt versprochen wurden. Jetzt ist Klartext gefordert. Der Angriff auf Libyen hat im Bündnis so viel böses Blut geschaffen, daß ein Purgatorium dringend vonnöten ist.