Von Helmut Becker

Vergangene Woche gab sich Japans Premierminister Yasuhiro Nakasone vor dem Oberhaus in Tokio selbstsicher. „Ich sehe absolut keinen Grund, warum wir vom Ausland kritisiert werden sollten“, beschied der Regierungschef einem Abgeordneten. Der hatte angefragt, ob Japan beim bevorstehenden Industriestaatengipfel in Tokio zur Ankurbelung der heimischen Nachfrage gedrängt oder zu noch schlimmeren Konzessionen genötigt werden könnte.

Für den Optimismus von Gipfel-Gastgeber Nakasone sprechen gute Gründe: Noch nie hat sich ein japanischer Premier so gründlich für das Treffen mit seinen Amtskollegen aus sechs wichtigen Industrieländern gerüstet und abgesichert. Noch nie war allerdings auch Japans Krisenrüstung so dringlich wie für die Gipfel-Show Anfang Mai in der japanischen Metropole.

Denn seit Tokio vor sieben Jahren zuletzt Schauplatz eines Wirtschaftsgipfels war, hatte sich von Jahr zu Jahr die Gefahr gesteigert, daß der Meinungsaustausch zu einem Japan-Tribunal umfunktioniert wurde. An Vorwürfen gegen das Inselreich hatte es nie gefehlt: Japan störe den friedlichen Welthandel, es fege mit seiner Exportmaschinerie die ausländische Konkurrenz sogar von deren heimischen Märkten, schotte aber seine eigenen Grenzen durch Yen-Manipulation, nichttarifäre Handelshemmnisse und ein verworrenes inländisches Verteilungsnetz gegen Importe ab. Jahrein, jahraus mußten Nippons Regierungschefs dem Gipfelereignis wie dem jüngsten Gericht entgegenbangen.

Dem Angeklagten fehlte es dabei sichtlich an Unrechtsbewußtsein, obwohl er mit Demutsgebärden nicht sparte: Alle Jahre wieder überraschte Tokio kurz vor dem Gipfeltreffen die Welt mit einem Marktöffnungspaket, von dem die japanische Delegation treuherzig schwor, nunmehr sei Importen in Nippon der Weg geöffnet. Noch stets gelang es Japan, sich mit diesen Manövern freizukaufen.

Aber der Glaube an die Wirksamkeit der Gipfelroutine schwand, demonstrierte doch jeder neue Liberalisierungsschwur Tokios vor allem die Nutzlosigkeit des vorangegangenen. Das scheint selbst Premier Nakasone nun so zu sehen. Zwar mochte er nicht völlig auf das übliche Ritual im Vorfeld des Gipfeltreffens verzichten. Aber daß die Gäste dem Zauber des Konjunktur- und Marktöffnungspakets erliegen werden, das Nakasone Anfang April vorlegte, das glaubt er selber nicht. Dazu ist vor allem die Entschlossenheit des US-Kongresses zu groß, das auf 47,9 Milliarden Dollar gestiegene amerikanische Defizit im Japan-Handel nicht länger zu tolerieren.

Wie wenig sich die Handelspartner mit japanischen Lippenbekenntnissen abspeisen lassen wollen, kann Nakasone alltäglich den Kurszetteln der internationalen Devisenmärkte entnehmen. Der steile Anstieg des Yen-Kurses seit September vergangenen Jahres hat Nippons Exporte theoretisch um gut dreißig Prozent verteuert. Getroffen werden davon vor allem die Exporte in die Vereinigten Staaten: 1985 nahmen die USA 37,2 Prozent der gesamten japanischen Ausfuhren auf.