Von Michael Geffken

Der Blick aus dem Fenster verheißt Fürchterliches. Der Himmel hängt voller grauer Wolken, die Berge ringsum liegen im Nebel. Überhaupt, diese Berge: trostlose Trümmerhaufen rund um das 300 Meter hoch gelegene Bergnest, Abraumhalden der größten Schiefermine der Welt, Riesenhöcker, auf denen kein Halm, kein Strauch, schon gar kein Baum wächst. Familienurlaub in Blaenau Ffestiniog in Nordwales ist gar nicht so einfach bei solch schlechtem Wetter. Zumal der Ort nicht das geringste von dem besitzt, was ein modernes Ferienzentrum ausmacht – kein Schwimmbad, keinen Minigolfplatz, die Wanderwege sind schlecht beschildert und kaum zu finden.

Doch Johanna, die ältere der beiden kleinen Töchter, hat eine Idee: „Wir fahren mit der Eisenbahn ans Meer!“ Die Eltern zögern, machen Einwände: „Da unten am Wasser wird das Wetter auch nicht besser sein“, schließlich aber setzen sich die Kinder durch. Der Weg zum Bahnhof führt von unserem geduckt am Hang liegenden Cottage quer durch den Ort, vorbei an langen Reihen schiefergrauer Arbeitshäuser, die sich nur durch die Farbe von Türen und Fensterrahmen voneinander unterscheiden. Um die Jahrhundertwende lebten hier 12 000 Menschen, heute sind es nur noch halb so viele.

Blaenau Ffestiniog verdankt seine Entstehung dem immensen Schieferbedarf des vorigen Jahrhunderts: Für die aus dem Boden gestampften Arbeitersiedlungen in England und Südwales waren die grauen Steinplatten die billigste und haltbarste Dachbedeckung. Schon 1836 wurden Gleise von Blaenau zur 21 Kilometer entfernten Hafenstadt Porthmadog gelegt. Damals gab es noch keine Dampflokomotive, sondern eine Bahn, die das natürliche Gefälle zum Meer ausnutzte: Die mit Schieferplatten beladenen Waggons rollten von allein zum Meer – die Pferde, die den leeren Zug wieder in die Höhe ziehen mußten, fuhren im letzten Wagen mit. Dampfunterstützung gab es dann von 1863 an.

Auch wir hoffen auf eine Dampflokomotive, aber zu unserer Enttäuschung zieht eine kleine Diesellok den Zug über die Schmalspurgleise in den Bahnhof – Gleise mit der Spurweite 60 Zentimeter; die Bundesbahn fährt auf 1,76 Meter. Die Personenwagen indessen entschädigen uns: Sie glänzen in wunderschönem Dunkelrot, selbst in der dritten Klasse sind die Sitzflächen noch plüschig gepolstert, in der ersten hat auch der Rücken eine weiche Stütze. Die zweite Klasse gibt es aus unerfindlichen Gründen nicht, dafür aber ist das Fahrgeld in der dritten Klasse ganz schön happig für einen deutschen Mittelklasse-Familienhaushalt: Die einfache Fahrt kostet für uns alle zusammen fast sechs Pfund, beinahe 25 Mark.

Doch die Investition hat sich gelohnt, schon allein des beeindruckenden Schaffners wegen. Das seriöse Grau seiner altmodischen Uniform korrespondiert aufs feinste mit der Farbe des sorgfältig gestutzten Barts, mit großer Würde schreitet er vor der Abfahrt die Wagen ab und verschließt jede einzelne Tür persönlich.

Dann ein Pfiff – der Zug zuckelt los. Zuerst geht es noch ein Stück durch das Städtchen, vorbei am „Commercial Hotel“, an der Schule, vorbei an einigen von Blaenaus 37 „Chapels“. Wales ist, anders als das anglikanische England, ein Land der Sekten und der „independent churches“ – und jede besitzt ihre eigene Kapelle. Schließlich liegt der Ort hinter uns und mit ihm die grauen Halden. Das Tal öffnet sich, die Landschaft wird grüner. In vielen Windungen schlängeln sich die Gleise zum Meer hin, der Weg führt durch lichte Eichenwälder, Rhododendronbüsche säumen ihn.