Von Norbert Jochum

Das gab es alles einmal: diese atemlose Unverschämtheit und diese unverschämte Begeisterung, diese begeisterten Hymnen und diese hymnische Verachtung, diese Arroganz und diese Liebe, die untrennbar sind, wenn es einem ernst ist mit beiden. Das gab es doch einmal, Freundschaften, und Feindschaften.

Das gab es doch einmal: daß das Kino schöner war als das Leben, weil die Mädchen im Kino schöner waren als im Leben. Was sonst, wenn nicht SIE, hätte uns dazu bringen können, in Marseille ein Auto zu klauen, nicht irgendeins, keins von denen, die auf den Straßen herumfahren, sondern eins, das aus dem Himmel der amerikanischen Filme kam, also IHRER würdig – „würdig“ ungefähr wie: „als Preminger die Hauptdarstellerin für Bonjour Tristesse suchte, suchte er nicht Cécile, er suchte Jean Seberg, und als er sie gefunden hatte, lautete die Frage, die sich ihm stellte, nicht: Ist sie würdig, Cécile zu sein?, sondern: Ist Cécile es wert, von Jean Seberg verkörpert zu werden?“ – und loszufahren, die Zigarette im Mundwinkel und den Hut auf dem Kopf, sich durch nichts aufhalten lassen, auch nicht durch den Polizisten auf seinem Motorrad, auch nicht dadurch, daß man dann zu Fuß weitermuß und dann als Anhalter, immer weiter, bis man ihr endlich gegenübersteht auf den Champs-Elysées, ganz außer Atem?

Das gab es doch einmal, daß man auf die Frage, was das Kino sei, antworten konnte: der Ausdruck der schönen Gefühle; und daß die Arbeit des Regisseurs darin bestand, hübsche Frauen hübsche Sachen machen zu lassen. Deswegen war es doch nicht weniger ernst.

Das gab es doch einmal: daß etwas nicht nur voller Leben war, sondern das Leben selbst; daß etwas immer wieder neu anfing und jeder Anfang uns die Sprache verschlagen hat, daß wir aufgeregter aus dem Kino kamen als wir hineingingen, daß man ins Kino ging, um sich überraschen zu lassen und daß man überrascht war, weil man überrascht war, daß wir ins Kino gingen, weil dort auf eine aufregende Weise viel passierte und daß wir ins Kino gingen, weil dort auf eine aufregende Weise nichts passierte und daß man nie wußte, was aufregender war?

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