Von Uwe Knüpfer

Zunächst mutet es paradox an: Noch stöhnen Professoren allerorten, ihre Seminare seien überlaufen, ihre Sprechstunden ausgebucht und sie fanden vor lauter Lehrverpflichtungen kaum Zeit und Muße zur Forschung. Da mehren sich die Lockrufe aus bundesdeutschen Hochschulen, die einer neuen Studentengeneration gelten – den Senioren, den Älteren, den Alten, den Frührentnern, den Jungen Alten oder wie immer jene wachsende Gruppe von Menschen genannt wird, die von bezahlter Arbeit zwar „freigestellt“, geistig aber noch lange nicht eingerostet ist. Rund zwanzig Universitäten bieten in diesem Sommersemester schon Seniorenstudiengänge an oder doch wenigstens spezielle Vorlesungsverzeichnisse für ältere Gasthörer. Acht bis zehn weitere Hochschulen planen konkret, ähnliches demnächst zu beginnen, und noch ein halbes Dutzend zieht es zumindest in Erwägung.

Die Universität Dortmund kann sich rühmen, nebst Oldenburg und Kassel, die Alten für die Unis „entdeckt“ zu haben. Von 1980 bis 1985 wurde hier – finanziert von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung – in einem Modellversuch erprobt, wovon sich jetzt so viele inspirieren lassen: Münster und Hamburg etwa, Schwäbisch Gmünd und Trier, Freiburg und Berlin. Im Sommer 1985 ist daraus eine feste Einrichtung der Dortmunder Uni geworden.

Schon während der Versuchsphase erwarben 116 Dortmunder Senior-Studenten das eigens für sie entworfene Abschlußzertifikat. Eine Art Ehrenurkunde, die erfolgreiches Teilnehmen bestätigt und dem Inhaber bescheinigt, er sei nun in besonderer Weise dazu qualifiziert, ehrenamtliche Aufgaben in Vereinen, Verbänden und Institutionen zu übernehmen.

Viele Beobachter des Dortmunder Modells haben sich darüber lange belustigt, inzwischen sind die Kritiker leiser geworden. Mag sein, das anhaltende öffentliche Interesse an der Arbeit der Dortmunder Pioniere hat ihnen die Sprache verschlagen, oder auch nur deren selbsterstellte Erfolgsstatistik.

Nur einer von zehn Teilnehmern des Dortmunder Modellversuchs hatte schon als junger Mensch akademische Erfahrungen gesammelt. 70 Prozent hatten kein Abitur, 15 Prozent waren, bevor sie in Rente oder in die „Anpassung“ des Ruhrbergbaus gingen, Arbeiter. Die Abbrecher-Quote war dennoch außerordentlich gering, und dies, obwohl die Dortmunder Wert darauf legen, auch mit ihren angegrauten Studenten wissenschaftlich zu arbeiten. Eine Art elfenbeinerne Volkshochschule wollen sie nicht sein.

Allerdings haben sich die meisten Teilnehmer, gibt Ludger Veelken, Professor für soziale Gerontologie und Geragogik, zu, „ihr ganzes Leben mit Weiterbildung beschäftigt“. Oder anders: Wer sich nicht schon immer geistig frisch gehalten hat, wird es im Alter auch durch angestrengtestes Studieren nicht wieder werden. Es sind Aktivisten, quirlige, neugierige Menschen, die sich für das Seniorenstudium interessieren. Es sind Männer, die früh, zu früh, wie sie finden, aus dem Beruf ausscheiden mußten und die sich wieder gefordert sehen möchten. Und es sind (zu zwei Dritteln) Frauen, die ihren erlernten Beruf vor langem zugunsten der Familie aufgegeben haben, aber nun – die Kinder haben das Nest Verlassen – auch als Hausfrau und Mutter nur noch am Rande gefragt sind.