Giovanni Pierluigi da Palestrina: „Missa Papae Marcelli“; „Motetten“.

Im April 1555 hatte der in Montepulciano geborene und nur drei Wochen lang als Pontifex Maximus regierende Marcellus II. beim Tridentiner Konzil einen flammenden Protest gegen die schnöde Verweltlichung der Kirchenmusik erhoben. Auf den päpstlichen Kapellsänger Palestrina muß das so sehr gewirkt haben, daß er dem Kirchenfürsten posthum, sieben Jahre später, ein Werk widmete, das ihn der Legende nach zum Retter der Kirchenmusik machte: Er habe damit die in Trient beschlossene Abschaffung der figuralen Kirchenmusik verhindert. Wie auch: die „Missa Papae Marcelli“ überragt in Größe und Innovation alles, so daß sie mit Recht als Gipfelwerk der klassischen Vokalpolyphonie bezeichnet wird. Diesem hohen musikalischen Anspruch versucht diese Aufnahme gerecht zu werden, weniger objektiviert als subjektiv katholisch inspiriert, mit zu großer Nachlässigkeit in Textverständlichkeit und Vokalbildung. (Regensburger Domspatzen; Dirigent: Georg Ratzinger; EMI/hm 16 9564 1).

Peter Fuhrmann

Paul Brady: „Back To The Centre“

Dieser irische Singer/Songwriter, einem breiteren Publikum wohl nur durch Tina Turners Version von „Steel Claw“ bekanntgeworden, demonstriert mit seinem jüngsten Solo-Album all die Qualitäten, die Jackson Browne auf seiner letzten Schallplatte arg vermissen ließ: eine in der melancholischen Grundfärbung differenzierte Songpoesie; wunderbar einfühlsamen und nie sentimental forcierten Gesang; zu keiner Zeit nur Routiniertes und überraschend melodisch-harmonische Wendungen, die aus dem Folksong stammen. Etwas mainstream-rockiger konzipiert als das Meisterwerk „Hard Station“ von 1981, folgt diese Platte dennoch keinerlei gängigen Formeln. Angeblich mag Brady von seiner Folk-Vergangenheit mit der Gruppe Planxty ja nicht mehr viel wissen. Aber die einschlägig „vorbelasteten“ Balladen „The Island“ und „The Homes of Donegal“ – das zweite ein irisches Traditional – sind trotzdem die herausragenden Songs beziehungsweise Interpretationen unter seinen neuen Kompositionen. Der Vergleich mit Van Morrison ist da nicht einmal Hochstapelei. (Mercury 826 809-1) Franz Schöler