Von Eckart Kleßmann

Dort, wo die Neue Straße den Freien Hof kreuzt, fiel es mir wieder ein: Das ist nun 48 Jahre her, du warst fünfeinhalb Jahre alt, das Hausmädchen war mit dir hierhergegangen, um dir zu zeigen, wie so etwas aussieht: ein gerade abgebranntes Haus, noch qualmend, der Geruch verkohlter Balken in der trüben Luft. „Das war die Synagoge“, sagte Lina, das Wort blieb haften, verband sich mit Zerstörung durch Feuer. Ein halbes Jahr später hast du dann in der Schule gelernt, hier habe man am Morgen dieses 10. November 1938 eine Brutstätte des Bösen angezündet.

Heimat 48 Jahre später. So richtig straßauf, straßab gewandert bin ich hier seit zehn Jahren nicht mehr. Jetzt nehme ich mir Zeit, besehe die Häuser, spreche mit Leuten, höre von Plänen. Wo einst die Synagoge stand, soll ein Mahnmal errichtet werden. Lemgo besinnt sich, 41 Jahre nach Kriegsende, auf seine Vergangenheit. Im März hatte die Stadt mit mehreren Veranstaltungen ihrer verjagten und vergasten jüdischen Mitbürger gedacht, dabei kam dann so einiges zum Vorschein, was die Lemgoer (wie alle) bislang unter den Teppich gekehrt hatten;

Sonst ist die Stadt ja recht unbefangen mit ihrer Geschichte, sie muß nur schön alt sein. Die brutalen Hexenprozesse im 17. Jahrhundert, die einzig aus ökonomischen Gründen geführt wurden (Vernichtung unliebsamer Geschäftskonkurrenz), sind schon fast ein Stück Heimatfolklore. Aber in der Geschichte Lemgos gibt es auch ansehnliche Seiten. Zugehörigkeit zur Hanse (seit dem 13. Jahrhundert) mit Handelsverbindungen bis nach Rußland; jahrelanger Kampf der Residenz gegen den eigenen Landesherrn, um den lutherischen Glauben zu bewahren. Endlich hatte dann die Stadt ihren Glauben gerettet, der Landesvater gab nach, aber er reagierte mit heftigem Liebesentzug, er nahm Lemgo den Status der Residenz und gab ihn an Detmold. Seither sind sich die beiden Lipperstädte gram – und pflegen das sehr liebevoll.

Neben der ältesten Kirche, St. Nikolai, steht das Geburtshaus Engelbert Kämpfers. Dieser Arzt bereiste 1682 Asien, besuchte auch das schwer zugängliche Japan und wurde der Vater der Japanologie. Ein Denkmal erinnert an diesen größten Sohn der Stadt, dazu der Name Engelbert-Kämpfer-Gymnasium. Es ist im einstigen Lippehof, dem ehemaligen Stadtschloß der lippischen Grafen, untergebracht. Dort habe ich 1953 mein Abitur gemacht und bin diesem Gehäuse verhaßter Schulzeit seither aus dem Wege gegangen. Jetzt komme ich ihm wieder näher, verlockt von der Nachricht, der Lippegarten solle wieder erstehen.

Dieser kleine Park befand sich bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts vor dem Lippehof, es gibt alte Photos davon. Die Stadt hatte ihn zerstören und überbauen lassen und will das nun rückgängig machen nach über hundert Jahren. Ein paar häßliche Häuser samt Tankstelle wurden abgerissen, um das alte Areal (unweit vom Zentrum) neu zu bepflanzen; wahrlich, ein ungewöhnlicher Schritt. Wenn Lemgo 1990 sein achthundertjähriges Bestehen feiert, wird der Lippegarten fertig sein.

Noch ganz erfüllt von diesem Gedanken, besehe ich mir die Rückseite, die ursprüngliche Gartenseite des alten Lippehofs, in meiner Schulzeit eine Wiese mit schönen Bäumen. Vorbei, dahin: Alles Grüne ist unter einer riesigen Betonplatte verschwunden, das alte Barockgebäude verhunzt mit geschmacklosen Nebengebäuden. Komisch: Die vor zwanzig Jahren herausgerissenen Sprossenfenster sind alle wieder drin, der Lippegarten soll neu erblühen, aber diese Schande soll bleiben. Der Umgang mit der Vergangenheit war in Lemgo schon immer leicht schizophren.