Von Henry Thorau

Ich bin sie leid, die gemessene Lyrik / Die Lyrik, die sich wohl verhält / Die Beamtenlyrik mit Anwesenheitsliste Bürostunden Protokoll / und Achtungsbezeugungen vor dem Herrn Direktor.“ Als er das Gedicht „Poetica“ schrieb, war er noch kein poeta national: Manuel Bandeira, geboren im Frühjahr des Jahres 1886 in Recife, gestorben 1968 in Rio de Janeiro. Ihren „Johannes den Täufer“ nannten ihn die Modernisten. Trotzdem blieb er der skandalumwitterten Woche moderner Kunst, der Semana de Arte Moderna fern, auf der die jungen Avantgardisten im Februar 1922 in São Paulo, eine aus „Brasilholz“ geschnitzte nationale Kunst forderten, Literaturwissenschaftlern gilt dies Datum als Durchbruch des brasilianischen Modernismus.

Vielleicht waren Bandeira die Poesieprogramme seiner dichtenden Freunde wie „Ich bin ein Primitiver“ (Mario de Andrade) oder „Wir sind Barbaren und schämen uns dessen nicht“ (Oswald de Andrade) peinlich, weil zu provokativ. Im Tumult des Publikums wurde aber auch ein Gedicht von Manuel Bandeira vorgetragen: „Os Sapos“, „Die Kröten“, eine Satire auf die pretiöse Verskunst der Parnasianos, einem epigonalen Ableger der französischen Parnassiens.

Auch wenn er der „metrischen Tyrannei“ seinen „Ritmo dissoluto“ (1924) entgegensetzte, auch wenn er kakophonische Lautgedichte schrieb, Zeitungsmeldungen in Verse zerschnitt, um Puristen zu irritieren, bekannte er selbst: „Ich habe nichts gegen Sonette.“ Er wollte keiner Generation zugerechnet werden, die nicht die seine war. Niemals könne er einen Dichter abwerten, und sei dieser noch so sehr der Tradition verhaftet, wenn er schreibe „wie ein Mensch, der stirbt“. Damit meinte Manuel Bandeira auch sich selber. Er sprach nicht von der Idee des Todes, sondern vom konkreten Tod. Mit 17 Jahren erkrankte er an Tuberkulose und mußte sein Architekturstudium abbrechen (wie sein Vater sollte er Bauingenieur werden). In Abendkursen nebenbei die Kunstakademie zu besuchen und zugleich im Büro einer Eisenbahngesellschaft arbeiten zu müssen, um sein Studium zu finanzieren, das war zuviel gewesen. Auf die Frage, wie lange er noch zu leben hätte, antwortete ihm ein Arzt, er habe Schäden, die nicht mit dem Leben zu vereinbaren seien. „Kann man es nicht mit einem Pneumothorax versuchen, Herr Doktor? / Nein. Da kann man nur noch einen argentinischen Tango spielen“, heißt es in einem Gedicht aus jener Zeit.

Auf Abruf leben, jahrzehntelang, immer im Gefühl, nichts Bleibendes zu hinterlassen. „Gib deinem Traum von Kunst Gestalt. / Dann wirst du dich gesund fühlen.“ Diese Verszeilen stehen in dem 1917 auf eigene Kosten veröffentlichten ersten Gedichtband „A Cinza das Horas“ (deutsch etwa „Asche der Stunden“); Bandeira war 31 Jahre alt. Die Krankheit hatte ihn zum Dichter reifen lassen.

Noch war vieles unter dem Einfluß Mussets, Lenaus und Heines (er las deutsch) geschrieben, und Valérys Gestaltungsprinzipien folgend streng komponiert. Erst mit „Libertinagem“ (1930) kam die Befreiung von den Zwängen der poetischen Tradition. Er überließ sich seinem inneren Diktat: „Mein Unterbewußtsein serviert mir Grauen statt Phantasie / Ängste anstelle von Bildern.“ Daß die Gedichte, die er damals unter Fieber niederschrieb, die er in Träumen hörte (was dennoch nicht mit surrealistischer écriture automatique im Sinne Bretons zu tun hatte), sein eigentliches Dichten waren, gestand sich erst der Siebzigjährige in seiner literarischen Autobiographie ein, als er längst Professor für lateinamerikanische Literatur an der Universität Rio de Janeiro war: „Ich machte im Lauf der Zeit die Erfahrung, daß meine bewußte Anstrengung nur in Unzufriedenheit mündete, während das, was aus meinem Unterbewußtsein in einer Art Trance oder Erleuchtung kam, zumindest den Vorteil hatte, mich von dem zu befreien, was mich bedrückte.“

Große Versepen waren seine Sache nicht und auch nicht das kryptisch Hermetische. Über die modernistische Provokation hinaus fand er zu einer neuen Schlichtheit im Alltäglichen, in der äußeren Wirklichkeit, derer er sich immer wieder neu vergewissern muß: „Probiere. Schaue. Fühle. Rieche. Höre.“ Als „minderen“ Dichter bezeichnete er sich selbst, aber „menor“ heißt im Portugiesischen auch „Moll“, und nahezu sein ganzes Werk steht in dieser Tonart, vor allem die nach seinen Reisen in den Nordosten entstandenen Verse „Erinnerungen an Recife“.