Von Horst Bieber

Gespenstische Widersprüche seit zehn Tagen: Einerseits versichern Politiker und Wissenschaftler übereinstimmend, der radioaktive Niederschlag des Kernkraftunglücks im sowjetischen Tschernobyl stelle keine Gefahr für die Gesundheit der Bundesbürger dar. Andererseits raten sie zu Vorsichtsmaßnahmen: Die Kühe im Stall lassen, die Kinder im Hause halten oder nach dem Spielen im Sandkasten wenigstens kräftig duschen, bei Frischmilch aufpassen, Blattgemüse meiden. Kein Anlaß zur Sorge – und trotzdem soviel zu besorgen: Der „Größte Anzunehmende Unfall“ (GAU), seit drei Jahrzehnten nur als theoretische Annahme der Techniker und Physiker bekannt, berechnet und berücksichtigt, hat mehr als den Reaktor zerstört.

Seitdem wechselnde Winde die strahlende Staubfracht aus der Ukraine über Westeuropa und über den Pazifik nach Amerika verteilen, klingt vielen die Formel von der sicheren zivilen Kernenergie wieder hohl. Rund um die Uhr wählen erschrockene Bürger die Nottelephone an; dies beweist, wie tief die Angst vor der unsichtbaren Gefahr sitzt. Diese Furcht zeigt zugleich an, daß es mit der so oft beschworenen Akzeptanz der Atomkraft nicht weit her sein kann.

So nimmt denn in verquerer Folgerichtigkeit der radioaktive fallout ab, während der politische anwächst – international wie national. Eine auf Technik und Industrie vertrauende Welt ist aus dem Gefühl der Sicherheit gerissen worden. Nun reagiert sie mit Schrecken oder flüchtet sich in den selbsttrügerischen Trost, so etwas könne schließlich nur „drüben“, bei den „anderen“ geschehen, denen es an Verantwortungsbewußtsein ohnehin und offenbar auch an Fähigkeiten fehle.

Daran ist sicher eines richtig: Eine derart menschenverachtende Informationspolitik, die das Desaster zwei Tage lang verschwieg und dann bröckchenweise nur zugab, was nach Erkenntnissen der Nachbarländer nicht länger zu leugnen war, kann sich nur ein System erlauben, das bisher die Debatte aller Fehler und Schwächen unterdrückt hat – auch der im Fall Tschernobyl schon vorher erkannten. Deswegen gehört auch Michail Gorbatschow zu den politischen Opfern des GAU. Wie ernst ist denn seine „Offensive der Offenheit“ gemeint? Wieviel Kontrolle will er wirklich dem Westen bei seinen Abrüstungsplänen einräumen? Was endlich zählt seine Beteuerung, er wolle den atomaren Holocaust verhindern, wenn Moskau nicht einmal imstande war, seine Nachbarn vor der strahlenden Wolke zu warnen?

Zu pharisäerhafter Überheblichkeit besteht im Westen gleichwohl nicht der geringste Anlaß. In Windscale (jetzt mit Bedacht Sellafield genannt) hat in den fünfziger Jahren ein englischer Reaktor gebrannt. Das Unglück von Three-Mile-Island schockte 1979 die Atomgläubigen in Amerika. Die Franzosen mußten sich mit Schwierigkeiten in ihrer Wiederaufbereitungsanlage Cap La Hague herumschlagen. Und beim Störfall Brunsbüttel verhielt sich deutsches Personal falsch. Gegen technische Pannen und menschliche Fehler ist kein System gefeit. Wer es dennoch behauptet, redet wider besseres Wissen, und wer die westliche Informationspolitik als vorbildlich bezeichnet, hat ein kurzes Gedächtnis.

Die sowjetische Führung verdient also sehr wohl deutliche Kritik. Doch aus einem handfesten Grund verbietet sich der Rückzug auf anklagenden Hochmut: Was immer nun, als Folge von Tschernobyl, geschehen muß, läßt sich nur mit der Sowjetunion, nicht gegen sie verwirklichen. Ohne Moskau kann es zum Beispiel eine Verpflichtung aller Regierungen auf Mindeststandards für die Reaktorsicherheit nicht geben. Das Lenin-Wort „Mißtrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ sollte auch den Kreml bewegen, der Wiener Atom-Energie-Behörde weiterreichende Inspektionen vor Ort zu bewilligen, die sich nicht nur auf die Überwachung möglichen Bombenmaterials beschränken. Wir brauchen ein internationales und automatisches Warn- und Meldesystem rund um die Welt, damit die nationale Versuchung zum Vertuschen ausgeschaltet und den Nachbarn Zeit zu Gegenmaßnahmen gegeben wird. Wer immer Reaktoren exportiert, muß auf die nötige Sicherheit auch in jenen Staaten achten, denen es finanziell schwer fällt. Zu dieser Sicherheit zählt die sorgfältige Ausbildung des Personals ebenso wie der Schutz gegen terroristische Attacken. Höchstwerte für Strahlenbelastung und Strahlenemissionen sollten international harmonisiert werden – was bisher nicht einmal in der EG gelungen ist. Gewiß, auch eine internationale Nuklear-Feuerwehr kann künftige Unfälle nicht verhindern, doch könnte sie vielleicht Schäden mildern und die Einsicht fördern, daß Sicherheit Vorrang haben muß.