Schließlich, nach fast drei Stunden, kommt jede Tanzbewegung ans Ende. Eine der Frauen von Reinhild Hoffmanns „Bremer Tanztheater“ trampelt in Stöckelschuhen auf einem der noch nicht geschmolzenen Eisblöcke herum und macht sich selber Mut oder verheißt uns, immer wieder, bis zur seligen Erschöpfung: „Wir tanzen. Wir tanzen. Wir tanzen ...“

So endet Reinhild Hoffmanns neues, ihr letztes Stück für das „Bremer Tanztheater“, mit dem mehrdeutigen, auch (auto)biographisch zu lesenden Titel: „Verreist“. Denn verreist ist die Tänzerin, Choreographin, Regisseurin (wenigstens im Kopf) schon längst, von Bremen nach Bochum. Dort wird sie vom Herbst an, mit Claus Peymanns Nachfolger Frank-Patrick Steckel, das Theater an der Königsallee leiten und – wer weiß? – ein Bochumer Tanztheater aufbauen.

Bochum und Tanz? Die Frage klingt nicht fremder als: Bremen und Ballett? Und doch wollte Arno Wüstenhöfer, der 1973 schon Pina Bausch nach Wuppertal geholt hatte, seine Bremer Intendanz nicht beginnen ohne die für Theater und Stadt anregenden Leute der modernen Tanzbühne. Er verpflichtete Gerhard Bohner und Reinhild Hoffmann und übertrug ihr 1981, sie hatte gerade drei Stücke herausgebracht („Fünf Tage fünf Nächte“, 1979; „Hochzeit“, 1980; „Unkrautgarten“, 1980), die Leitung des Tanztheaters, das seither den Namen Bremens als Theaterstadt auch im Ausland bekannt gemacht hat. Wer hätte das gedacht: Wir Bremer, wir tanzen, wir tanzen...

Neun Stücke in acht Jahren (neben den drei genannten: der Schönberg-Abend mit „Erwartung“ und „Pierrot Lunaire“, 1982; „Könige und Königinnen“, 1982; „Callas“, 1983; Henry Purcells „Dido and Aeneas“, 1984; „Föhn“, 1985, und jetzt, im Theater am Goetheplatz, nicht – wie so oft – im kleinen Saal des ehemaligen Kinos „Concordia“, das letzte Stück: „Verreist“). („Bremer Tanztheater – Reinhild Hoffmann“ heißt ein schöner Dokumentations-Band mit 168 Photos von Klaus Lefebvre; Bremer Theater, 1986; 120 Seiten, 19,80 DM.)

Wie gern sind wir verreist in den letzten acht Jahren, zu Reinhild Hoffmann nach Bremen. Wie oft durch Heide und Moor und Nebel zurückgefahren, den Kopf voll neuer, wilder, sperriger Bilder. Wie oft noch das Protest-Gemurmel der Bremer Zuschauer im Ohr, die „schönes“ Ballett erwartet hatten und sich mit neuen Formen von Bewegung, Ausdruckstanz, Körpersprache konfrontiert sahen, in denen die Gegenwart draußen nicht zu vergessen, sondern auf andere Art, intensiv, zu erleben war.

Wie kommen wir nach dem neunten Abend in acht Jahren heim? Freundlich matter Beifall bedankte einen Abend, von dem in der Pause immer wieder zu hören war, es sei doch „alles recht langweilig“. Ja, nach neun, Jahren scheint Reinhild Hoffman, die 1943 im schlesischen Sorau geboren wurde, in Niedersachsen angekommen zu sein. Höchste Zeit, wieder aufzubrechen, neu zu verreisen. Denn das soll ja weitergehen: Wir tanzen. Wir tanzen. Wir tanzen ...

Zum Verreisen (wenigstens aus dem eigenen Kopf) blieb Reinhild Hoffmann und ihrem Bühnenbildner Johannes Schütz in den zwölf Monaten seit der vorletzten Premiere („Föhn“, 16. März 1985) in einem Jahr wichtiger Entscheidungen (beide arbeiten vom Herbst an in Bochum) wenig Zeit, zu wenig Muße: „Verreist“ hat eine nicht nur gute Nähe zu dem Party-Charakter von „Föhn“ (Dramaturgie: Bernd Wilms; Kostüme; Andrea Schmidt-Futterer). Auf die leicht ansteigende, fast kahle Bühne, die mit weißer Plastikfolie ausgeschlagen ist, tritt wieder eine Gastgeberin: eine Dame im bodenlang schwarzen Abendkleid, die dunklen Haare in einen strengen Knoten gerafft, einen grauen Nerz über den Schultern. Sie verstreut bunte (Einladungs?)Zettel. Die werden später auf einem Silbertablett verbrannt.