Von Klaus-Peter Schmid

Tokio, im Mai

Es kommt wohl selten vor, daß bei einem Wirtschaftsgipfel so wenig über Wirtschaft debattiert wird, wie diesmal in Tokio. Da war lang und breit die Rede vom Terrorismus und von der Sicherheit von Kernreaktoren; erst am Montag nachmittag stürzten sich die Delegationschefs in die Diskussion ökonomischer Fragen. Fast wäre die Mahnung des französischen Präsidenten François Mitterrand untergegangen: „Wir dürfen nicht vergessen, daß dies ein wirtschaftlicher Gipfel ist.“

Schon Anfang März hatte Bundeskanzler Helmut Kohl hochgesteckte Erwartungen gedämpft. Es gehe bei diesem Treffen „nicht in erster Linie um bestimmte Beschlüsse, sondern zunächst um einen offenen und intensiven Meinungsaustausch über zentrale wirtschaftliche Fragen“. Die Einschränkung erwies sich als angebracht; allzu viele Forderungen, im Vorfeld der Tokio-Runde angemeldet, wurden nicht eingelöst.

Die Franzosen reisten mit der Vorstellung an, die Sieben (zuzüglich der Europäischen Gemeinschaft) sollten verbindliche Absprachen über eine Reform des internationalen Währungssystems treffe. Seit drei Jahren beharren sie auf dieser Forderung. Sie stehen nicht alleine, denn auch Präsident Ronald Reagan verkündete noch im Februar, es sei an der Zeit, „die Rolle und die Beziehungen zwischen unseren Devisen zu diskutieren“, das heißt, für stabilere Wechselkurse zu sorgen.

Doch was noch jüngst unter dem Stichwort „Festlegung von Zielzonen“ – gemeint ist: Einengung der Wechselkursschwankungen durch Interventionen der Notenbanken – als Pflichtthema für Tokio gehandelt wurde, war plötzlich uninteressant. Geschickte Fügung: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat ohnehin den Auftrag, bis September die Frage einer generellen „Neuordnung des Währungssystems“ zu prüfen. So ließ sich diese heikle Frage in Tokio schnell abhaken und an den IWF weiterleiten. Über eine „Diskussion genereller Art“ (so ein Minister) kam man nicht hinaus.

Insgeheim erwarteten auch alle Delegationen, daß die Japaner – horrender Leistungsbilanzüberschuß: 50 Milliarden Dollar – als monetäre Sündenböcke herhalten müßten. Doch der Gastgeber, Premierminister Yasuhiro Nakasone, nahm seinen Kritikern den Wind aus den Segeln. Geschickt wies er darauf hin, daß der Yen seit September um über 40 Prozent zum Dollar aufgewertet worden sei, der Exportüberschuß bald zurückgehe und die Grenzen des Zumutbaren damit erreicht seien.