Ingrit Seibert: Herr Fried, Sie sind ein österreichischer Jude, der seit Jahrzehnten in England lebt, sich als deutscher Dichter versteht und sich zu vielen aktuellen politischen Auseinandersetzungen zu Wort meldet. Lassen Sie uns dieses Gespräch mit einem Thema beginnen, das noch nicht so weit zurückliegt: der Verhinderung einer Aufführung von Rainer Werner Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“.

ERICH FRIED: Ich bin natürlich dafür, daß man es hätte aufführen sollen. Ich kenne den Text des Stückes, ich hatte auch mit Fassbinder darüber gesprochen – es gab im Schauspielhaus in Bochum eine Diskussion darüber, und da habe ich mit ihm gesprochen. Ich finde das Stück sehr interessant als Milieuschilderung. Ich glaube, man darf einen Künstler nicht dafür tadeln, das Stück nicht geschrieben zu haben, das er nicht schreiben wollte. Mir hätte es besser gepaßt, wenn der soziologische Hergang geschildert worden wäre, wieso da eine Gruppe von Juden zu Großgrundbesitzern und Bordellbesitzern geworden war. Das ist nämlich sehr interessant und stellt auch Deutschland kein besonders gutes Zeugnis aus – und auch den jüdischen Hilfsorganisationen nicht. Aber das ist im Stück nicht drin ...

Ich fand diese Auftritte von deutschen Juden, die zum größten Teil auch keine deutschen Juden sind, sondern sogenannte d. p.’s – displaced persans nach dem Krieg – und die sich heute noch das Vertretungsrecht für alle anderen Juden anmaßen, peinlich. Sie sind zum allergrößten Teil auch Zionisten. Mehrere dieser Baulöwen haben auch große Baugrundstücke in Israel, und ich finde, daß solche Alleinvertretungsansprüche – ebenso wie die Alleinvertretungsansprüche der Zionisten für alle Juden – Mist sind wie alle Alleinvertretungsansprüche. Wie auch Adenauers Alleinvertretungsanspruch für alle Deutschen Mist war, weil das natürlich nicht geht. Jedenfalls, ich finde, daß dieser Protest von vielen Juden in Deutschland, nach dem, was die Juden erlitten haben und nach ihrer Verunsicherung, psychologisch ohne weiteres verständlich war, sachlich aber, so wie er geführt wurde, nicht berechtigt war.

Halten Sie es für möglich, daß der latent vorhandene Antisemitismus, der ja immer wieder mit Antizionismus verwurstelt wird, obwohl das eine ganz andere Angelegenheit ist, durch eine solche Kampagne, wie sie gegen Fassbinders Stück inszeniert wurde, wieder Auftrieb erhält?

FRIED: Die Verwurstelung des Antisemitismus mit dem Antizionismus ist Schuld der Zionisten, die jede ehrliche Kritik an den Schandtaten der heutigen und gestrigen israelischen herrschenden Clique als Antisemitismus bezeichnen, was natürlich nicht wahr ist. Sie selbst erzeugen Antisemitismus in Teilen Asiens, Amerikas und Afrikas, wo es nie Antisemitismus gegeben hat.

Ich glaube natürlich, daß so etwas, was sich da in Frankfurt ereignet hat, antisemitische Intentionen wieder erleichtert. Aber in Frankfurt, wo sich das abgespielt hat, betreibt die Zuhälter- und Hausbesitzerclique der Bubis und Korn und Talmi und so weiter, so eine lebhafte Fabrikation von Antisemitismus, daß sie gar keines neuen, aktuellen Anlasses bedarf.

Wie haben Sie selbst als junger Mensch in der Zeit des aufkommenden Faschismus Ihr Jude-sein empfunden?