Von Georg Weden

Unter 300 Kilometer am Stück machen sie es nicht. Zehntausende sind dabei, jeder kann mitfahren. Wie magisch zieht es sommers die Menschen zwischen Flensburg und dem Nordkap aufs Rad.

Die Skandinavier stellen, gemessen an der Zahl der Einwohner, die meisten Volkssportler der Welt und sie haben die ausgefallensten Veranstaltungen. In der kurzen Sommersaison gibt es deshalb neben diversen Waldläufen und einem Flußschwimmen vier „Klassiker“ für Radfahrer, alle zwischen dem 13. Juni und dem 19. Juli. Ausländer sind willkommen, aber deutlich in der Minderheit. Die traditionsreichste Unternehmung dieser Art ist die Vättersee-Rundfahrt (Vätternrundan) über 300 Kilometer.

Auf Satellitenphotos wirkt er rechts neben dem schwedischen „Binnenmeer“ Vänersee wie ein Schlauch: Der Vättersee in Mittelschweden ist nur bis zu drei Kilometer breit, aber 150 Kilometer lang. Ausgangs- und Endpunkt der volkssportlichen Bemühungen ist Motala am Götakanal, der Ostsee und Skagerrak verbindet. Unverwechselbare Kennzeichen des historischen Städtchens am Ostufer sind ein zum Hotel umgebautes Kloster und ein Wasserschlößchen.

Die Schweden machen außerhalb des Landes nicht viel Aufhebens von der Vättersee-Rundfahrt. Das brauchen sie auch gar nicht. Denn von Jahr zu Jahr wird die Zahl der Interessenten größer. Für 1986 wurde ein Limit von 15 000 Teilnehmern gesetzt, 1980 waren es laut Meldeliste noch genau 8959. Der Neuling muß sich in der Regel mit einer hohen Startnummer abfinden. Das bedeutet eine Startzeit mitten in der Nacht; Gruppe 176 um 2 Uhr 50, also während der kurzen skandinavischen Sommerdunkelheit.

In der Ausschreibung, die es auch in Deutsch gibt, werden ein paar Regeln aufgezählt, die auch der Fremde zu beachten hat: Der Fahrer muß mindestens 18 Jahre alt sein und einen Schutzhelm tragen, Begleitfahrzeuge sind nicht erlaubt. Startgebühr: 100 Mark. Gefahren wird (mit Beleuchtung) auf öffentlichen Straßen im feiertäglichen Verkehr; insgesamt zehn Verpflegungs- und Ruhestationen gibt es in Abständen von 30 bis 35 Kilometern; eine Mindestfahrzeit ist nicht vorgeschrieben. Wer mag, darf 24 Stunden und länger unterwegs sein. Streß ist nicht gefragt.

Mit guten Ratschlägen sind die Schweden sehr zurückhaltend. Jeder hat hier ein Recht auf eigene Fehler, mein schwerster: Ich mache mich zwar zusammen mit etwa sechzig Frauen und Männern auf den Weg, bin aber ohne Begleiter und deshalb schon bald eine Art Einzelkämpfer. Die Gruppe ist schnell weit auseinandergezogen, und ich finde mich ziemlich allein auf weiter Flur. Obwohl wir nur leichten Gegenwind haben, ist das kein Vergnügen. Ich sehne mich schon bald nach einem schönen großen Rücken, hinter dem ich einen Windschatten finden kann. Aber wenn ich mich irgendwo anhänge, ziehen die Fahrer vor mir nach einem kurzen Blick zurück unaufhaltsam davon. Erste Lektion: Wer nassauert, wird abgehängt. In der Gruppe fahren bedeutet, daß jeder einmal an die Spitze muß, ob an einer Steigung oder auf einer Gefällestrecke. Zwei Norweger, die offenbar Mitleid mit mir haben, erlösen mich von den Leiden des Alleinfahrens. Die beiden haben mich schnell als Neuling erkannt. Und so ermuntern sie mich beim ersten Stopp nach 43 Kilometern am Ortsrand von Hästholmen: „Du mußt viel Kohlehydrate essen.“ Wir mampfen weiche Brötchen und spülen sie mit Kaffee runter, dann ein kräftiger Schlag Blaubeersuppe – offenbar der Kraftspender Nummer eins, denn meine Mitfahrer vertilgen ungeheure Mengen davon.