Hundert Jahre, nachdem der englische Lord Brougham Cannes zu seiner zweiten Heimat gemacht und der Bau seiner Villa „Eleonore-Louise“ 1835 den Wandel des kleinen Fischerdorfes zum weltbekannten Seebad bewirkt hatte, kauften Madame und Monsieur Lesouple in der Rue Meynadier Nummer 85 ein kleines Geschäft. Sie offerierten „Vins et Liqueurs“ zur Degustation und zum Verkauf und füllten sie aus kleinen Holzfäßchen in Flaschen zum Mitnehmen ab.

Die winzige „Bar“ mit der rostfarbenen Fassade und dem altmodischen Schaufenster mit den dahinvegetierenden Pflanzen hat sich in Aufmachung und Geschäftsphilosophie bis heute nicht verändert. Die Tochter der einstigen Inhaber mit dem Vornamen Ginette steht seit dem 20. Lebensjahr hinter dem Tresen aus Blei und schenkt Getränke aus.

Es sind keine großen Weine, die hier zum Verkauf anstehen, Rouge, Rose und Blanc aus dem Var und Hérault, ein kleiner Bordeaux, Monbazillac und Estandon. Dafür ist der Preis interessant: Ein Liter zum Mitnehmen im eigenen Gefäß kostet nicht einmal zwei Mark, ein Glas süßer Muscadet mousseux an der Theke, an der nur ein Hocker steht und das Bier aus einem einzigen Zapfhahn fließt, nur gut eine Mark. Scharfe Getränke finden sich nicht im Angebot: Die „petite licence“ erlaubt nur den Ausschank von Alkohol bis zu 18 Prozent.

Am Abend ist kaum mehr Platz in dem kleinen Geschäft am Fuß der Altstadt Le Suquet, Ein Steinwurf von den Touristenrestaurants in der Rue St. Antoine entfernt schlürfen dann vor allem Einheimische und Jugendliche hier ihren Kir.

Geöffnet ist täglich, außer Sonntagvormittag, von 9.15 bis nachts um halb ein Uhr, mit einer halben Stunde Pause in der Mittagszeit.

Das einzige Zugeständnis an die Moderne sind die Erfrischungsgetränke in Büchsen und die Sandwichs im Sommer; außerhalb der Saison gibt es am Tresen bestenfalls ein hartgekochtes Ei.

Jörg-Manfred Unger

Bar, Dégustation Lesouple, Vins et Li- – queurs demi-gros, 85 Rue Meynadier, F-06600 Cannes.