Von Heinz Riesenhuber

Nach dem schweren Kernkraftwerksunfall in der Sowjetunion ist die Frage zu hören, ob die Nutzung der Kernenergie wirklich notwendig ist, wenn sie mit so großen Risiken verbunden ist. Diese Frage zielt auf die letztlich bei jeder Technik anzustellende Abwägung zwischen Nutzen und Risiko, die man auch in einer Zeit zahlreicher, für die Öffentlichkeit oft schwer verständlicher Nachrichten nüchtern und sachlich betrachten muß. Nur gestützt auf die seit Anfang der Kernenergienutzung erfolgte sorgfältige Beachtung nicht nur des Nutzens, sondern vor allem der Sicherheitsfragen zur Einschätzung und Begrenzung des Risikos, ist diese Technik heute voll verantwortbar.

Dem Staat wurde schon durch das 1959 verabschiedete Atomgesetz eine zweifache Aufgabe übertragen: die Erforschung, die Entwicklung und die Nutzung der Kernenergie zu friedlichen Zwecken zu fördern; und Leben, Gesundheit und Sachgüter vor den Gefahren der Kernenergie und den schädlichen Wirkungen ionisierender Strahlen zu schützen, ferner zu verhindern, daß durch Anwendung oder Freiwerden der Kernenergie die innere oder äußere Sicherheit des Staates gefährdet wird.

Von Anfang an erfolgte die deutsche Kernenergieentwicklung nach dem Grundsatz „Sicherheit vor Wirtschaftlichkeit“. Im Rahmen seiner gesetzlichen Vorsorgepflicht haben daher das Bundesministerium für Forschung und Technologie und seine Vorgänger von Beginn der Kernenergieentwicklung ein umfangreiches Programm zur Reaktorsicherheit- und Strahlenschutz durchgeführt. Insgesamt wurden von der öffentlichen Hand seitdem ca. drei Milliarden Mark investiert. In der Bundesrepublik wurden immer schon, aber verstärkt und auf der Basis eigener Technologien, höchste Sicherheitsstandards verwirklicht. Der Erfolg manifestiert sich in einem hohen Schutz der Bevölkerung durch effektive und erprobte Sicherheitsvorkehrungen, aber auch in den im Vergleich zum Ausland hohen Verfügbarkeiten (84 Prozent im Jahr 1985). Kernenergie in der Bundesrepublik war im internationalen Vergleich wegweisend für den sicheren Umgang und eine umfassende Entsorgung bei der friedlichen Kernenergienutzung. So hat zum Beispiel auch eine sicherheitstechnische Überprüfung des bislang schwersten Störfalls in Harrisburg im Jahre 1979 keine Notwendigkeit für zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen in der Bundesrepublik ergeben; im Gegenteil zeigte sich, daß wegen der hohen Sicherheitsvorkehrungen für deutsche Kernkraftwerke dieser Störfall bei uns nicht eingetreten wäre.

Auch wenn über den genauen Unfallhergang in Tschernobyl noch keine ausreichenden Details bekannt sind, ist schon aus den grundsätzlichen Auslegungsprinzipien dieser Anlage offenkundig, daß in Anlagen in der Bundesrepublik noch eine große Zahl von zusätzlichen unabhängigen Systemen und zusätzlicher Vorsorgemaßnahmen zur Beherrschung des Störfalls zur Verfügung gewesen wären. Die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke hat nach wie vor – auch aufgrund des engen internationalen Erfahrungsaustausch in der westlichen Welt – einen sehr hohen Rang.

Auch jüngste Vergleiche mit Kernkraftwerken in anderen westlichen Industrieländern zeigen einen weiterhin außerordentlich hohen Sicherneitsstandard bei Kernkraftwerken in der Bundesrepublik.

Industrieländer haben und erfüllen im Rahmen ihrer Kernenergienutzung auch eine Gesamtverantwortung für die jetzige und zukünftige Weltenergienutzung, insbesondere im Nord-Süd-Verhältnis. Die friedliche Nutzung der Kernenergie steigert die Weltenergiereserven. Sie gibt eine langfristige Chance, den Ölpreis niedrig zu halten.