ARD und ZDF in der vorigen Woche: Berichterstattung über die Katastrophe von Tschernobyl

Genauso habe ich mir die Katastrophe vorgestellt. Man kommt von einer Einladung nach Hause, gerade noch rechtzeitig zur letzten „Tagesschau“, da sagt Frau Berghoff, profihaft gelassen, man müsse nun davon ausgehen, daß sich der „Größte Anzunehmende Unfall“ ereignet habe, im Atomkraftwerk von Tschernobyl sei ein gigantisches Unglück passiert. Dann geht man ins Bett.

Aber schon am nächsten Tag hat die Katastrophe auch Konsequenzen für das Fernsehprogramm. Der Mittelpunkt aller folgenden Abende ist die Wetterkarte. Unsere letzte Hoffnung heißt Frau Dr. Karla Wege. „Frau Dr. Wege, müssen wir mit Zufuhr radioaktiver Luft rechnen?“ fragt Herr Eser im „Heute Journal“. Winde aus Ost, heißt die Antwort für die nächsten Tage. Die Strahlen kommen. Man denkt an „Hamlet“: „Ich bin nur toll bei Nordnordwest; wenn der Wind südlich ist, kann ich einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl unterscheiden.“

Zeigen kann man die Strahlen nicht. Auch von dem Reaktorunglück gibt es keine Bilder. Das verhindern die Sowjets. Also flüchtet man sich in die Expertenrunden: Experten in den Fernsehstudios, ratlos. Ganz anders dagegen der Innenminister, dem wir mehrmals ins Gesicht blicken müssen. Er protzt und prahlt, ganz Ignoranz, mit der Sicherheit der deutschen AKWs. Die Expertenrunden weisen ihn zurecht: „unangemessene Selbstüberheblichkeit“. Überhaupt entsteht ein großes Niveaugefälle zwischen den aktuellen Nachrichtensendungen und den Magazinen oder Sonderberichten. Wo vor allem Politiker zu Wort kommen, wird beschwichtigt, beschönigt, beruhigt, im Grunde weiterhin Atompolitik gemacht. Aus den Kommentaren und Moderationen der Journalisten hört man oft eine angenehm unprofessionelle Betroffenheit, Erschrecken. Werner Höfer weigerte sich sogar, am vergangenen Sonntag zu einem „internationalen Frühschoppen“ bereits über Tschernobyl zu diskutieren, weil das Ausmaß der Katastrophe noch nicht bekannt und die Folgen bisher unüberschaubar seien. Er sah sich überdies nicht imstande, fünf ernstzunehmende journalistische Experten zu finden.

In dieser Situation tut Klaus Bednarz in seiner „Monitor“-Sendung das einzig Richtige. Er beschließt sie mit einem Bericht über Wackersdorf, Das hat er gut erkannt: Beiträge über den Bau der atomaren Wiederaufbereitungsanlage gehören zur Katastrophenberichterstattung dieser Tage. Im Zusammenhang mit Wackersdorf fällt das Wort „Polizeistaat“, und man kann es beeindruckend mit Bildern belegen. Zu sehen ist, wie man in Wackersdorf den Staat vor seinen Bürgern schützt. Auch diese Umkehrung ist eine Katastrophe.

Wenn es um Tschernobyl geht, sieht man noch immer meist nur eine Landkarte mit der schematischen Darstellung eines Atomkraftwerks. Die Meldungen überschlagen und widersprechen sich. Einmal ist der Reaktor unter Kontrolle, dann wieder nicht. Wenn man verschiedene Sender vergleicht (und noch die Rundfunkberichte hinzuzieht), weiß man am Ende gar nichts mehr, vor allem nicht, wie hoch die Strahlenbelastung wirklich ist. Glaubwürdig wirkt diese Berichterstattung nicht mehr. Auf der Landkarte aber ziehen inzwischen noch immer weiße Schleier von Tschernobyl über die Länder. Noch immer entscheidet der Wind. Zum Schluß ein Blick aufs Wetter.

Helmut Schödel