Von Karsten Witte

Ernesto ist ein süßer Fratz, verträumt und faul, ein Handelsgehilfe, der sich über Mehlsäcken der feinsten Sorte „Doppelnull“ von einem Tagelöhner verführen läßt, schließlich aber doch von den samtenen Armen der Triestiner Bourgeoisie um die Jahrhundertwende wieder aufgefangen wird, die für den gefallenen Engel die berückende Schwester seines geigenden Freundes bereithält.

Ernesto ist leidlich anzusehen, lernt Deutsch und Stenographie in der Abendschule, sympathisiert mit den Sozialisten, liest Der Arbeiter, begeistert sich sonntags an Schillers „Räubern“ und verführt über Mehlsäcken der Marke „Doppelnull“ einen Arbeiter, den er im Auftrag seines Chefs zu überwachen hat. Am Ende wird Ernesto, der Geliebte, zum Liebhaber eines jüngeren Musikschülers.

Das erste Porträt entwirft der Film „Ernesto“, den der Regisseur Salvatore Sampieri – ein Konfektionär dezenter Pornographie, der Italiens Sexualität vorzugsweise als zweites Frühlingserwachen älterer Herren darstellt – auf der Berlinale 1979 einreichte. Das zweite Porträt hat mit der Vorlage zu tun, auf die der Film sich beruft.

Nicht nur die sexuelle Initiation des Jungen war da weich gezeichnet, auch die politische, sofern sie überhaupt vorkam. Der Film versuchte, Ernesto zu einem Tadzio aus Triest zu machen, der in zwanglosen Spielen sein Badetrikot verlieren sollte. Vergeßt „Ernesto“! Saba hatte anderes als Sampieri im Sinn. Sein schmaler Roman ist eine späte Konfession, 1953 – vier Jahre vor dem Tod des Dichters – auf dem Krankenbett in Rom entworfen und erst 1975 von der Tochter zum Druck freigegeben. Da war der Vater schon fast vergessen, hätte nicht das hartnäckige Interesse an dem literarischen Zentrum Triest Saba aus dem Schatten der lyrischen Avantgarde (von Ungaretti bis Montale) herausgeholt.

Der einzige Autor, der Sabas Bedeutung für die italienische Literatur der Gegenwart nie verkannte, war Pier Paolo Pasolini, der zu Sabas siebzigstem Geburtstag einen Essay schrieb: „Saba ist der schwierigste unter den zeitgenössischen Dichtern, weil er ungerechterweise als provinziell angesehen wird. Man muß ihn eher mit freudianischen als mit stilistischen Kriterien lesen, in seinem Verlangen nach Selbstdemütigung. Denn die Bescheidenheit zieht einen kleinen Ton nach sich. Immer blieb Saba der Fremde und seine Literatur im Schatten, was ihr erst Nachhall verlieh“ (schreibt Pasolini in seinem Band „Passione e Ideologia“).

Saba lebte im regionalen wie politischen Abseits Italiens. Er hielt sich vom römischen Literaturleben fern. Er wählte sich ein Pseudonym. Saba heißt hebräisch „Brot“. Sein Vater war Jude. Im Faschismus mußte der Dichter untertauchen. Seine Prosa-Aufzeichnungen aus dem Versteck („Scorciatore e Raccontini“, „Abkürzungen und Erzählfragmente“), denen Pasolini höchsten literarischen Rang beimaß und die der Triestiner Literaturwissenschaftler Claudio Magris ohne Zögern Adornos „Minima Moralia“ gleichstellt, sind bis heute unübersetzt. Dabei tritt Saba gerade aus dem Schatten, der Randregion, der Unsichtbarkeit.