Von Rainer Erd

Sozialwissenschaftlichen Studien ist äußerst selten ein breiter publizistischer Erfolg beschieden. In der Regel wächst die Auflage erst, wenn der Inhalt eines Buches so verdünnt worden ist, daß er einem größeren Leserkreis keine Schwierigkeiten mehr bereitet. Sozialwissenschaftler gehören deshalb in der Regel nicht zu den Publizisten, die von Verlegern umworben werden. Allein dem mangelnden Bildungshunger des Massenpublikums dieses Problem zuzuschieben, reicht jedoch nicht aus. Die Kehrseite stellt nämlich das Selbstverständnis der meisten Sozialwissenschaftler dar: Sie wollen sich nicht in die Niederungen der Allgemeinverständlichkeit hinabbegeben.

Entschuldigungen für den fehlenden Kontakt zwischen einem breiteren Lesepublikum und den wenig zur Kenntnis genommenen Sozialwissenschaftlern gibt es auf beiden Seiten genug. Während die Schreiber dem Publikum immer wieder Desinteresse an komplizierten Gedanken oder gar falsches Bewußtsein vorwerfen, führt das Publikum mangelnde Verständlichkeit und intellektuelle Überheblichkeit ins Feld. Angesichts dieser Situation ist es schon beinahe sensationell, wenn ein soziologisches Buch nicht nur in Fachwelt und Publizistik, sondern auch in maßgeblichen politischen Institutionen Resonanz findet – so wie jetzt eine Studie über das Ende der Arbeitsteilung von Horst Kern und Michael Schumann.

Die ausgesprochen kurzweilige Form, in der die Autoren ein Thema präsentieren, das nicht gerade dem breitesten Leserinteresse entspricht, ist mehr als ein Darstellungstrick. Denn wenn Kern und Schumann jetzt die dritte Auflage ihres Ende 1984 erstmals erschienenen Buches vorbereiten, liegt das daran, daß sie Thesen formulieren, die quer stehen zu gängigen Konzepten. Sie widersprechen einem weitverbreiteten Pessimismus über die Folgen neuer Technologien und tragen mit ihren vorgetragenen Angeboten an unterschiedliche politische Gruppierungen dazu bei, daß ihr Buch in allen politischen Lagern leidenschaftlich diskutiert wird.

Doch schauen wir uns zunächst die wesentlichen Ideen näher an. Die zentrale These der Autoren lautet: „In den industriellen Kernsektoren vollzieht sich vor unseren Augen ein grundlegender Wandel der Produktionskonzepte ... Bisher beruhten alle Formen kapitalistischer Rationalisierung auf einem Grundkonzept, das lebendige Arbeit als Schranke der Produktion faßte, die es durch möglichst weitgehende Autonomisierung des Produktionsprozesses zu überwinden galt.“ Haben Unternehmer bisher versucht, die Eigenständigkeit von Arbeitnehmern im Produktionsprozeß einzuschränken und der Logik der Maschine zu unterwerfen, so ändert sich dies heute grundlegend: Die Initiative des einzelnen Arbeitnehmers, sein Erfindungsreichtum und sein Gestaltungswille werden jetzt immer mehr in die Unternehmenspolitik einbezogen.

Mit der These von den „neuen Produktionskonzepten“, die auf die Kreativität von Arbeitnehmern zurückgreifen, wenden sich die Autoren gegen eine der vorherrschenden Ideen der westdeutschen Industriesoziologie im vergangenen Jahrzehnt. Diese ging ganz im Gegensatz zu Kern und Schumann davon aus, daß der Einsatz neuer Technologien die Qualifikation und den Entscheidungsspielraum von Arbeitnehmern zunehmend verringere. Der Arbeiter als Anhängsel an die Maschine, dieses Bild entsprach weitaus mehr der vorherrschenden Sichtweise als das einer Persönlichkeit, die auch ihre eigenen Ideen in die Produktion einbringen kann.

Kein Wunder also, daß die Entdeckung menschlicher Kreativität bei der industriellen Produktion Unruhe in eine Wissenschaft brachte, die sich behaglich in ihren negativen Visionen eingerichtet hatte.