Durch den Tourismus haben die Malediven Umweltprobleme bekommen

Von Andreas Jacobsen

Als die Insel am Horizont auftaucht, wird es auf der Motorjacht lebendig. Knapp zwei Stunden war sie auf westlichem Kurs schnurgerade über das offene Meer ins Ari-Atoll gefahren. Unser Ziel, die Insel Ellaidhu, sollte an diesem Tag von den Beamten der maledivischen Ministerien offiziell abgenommen werden – als 55. Touristeninsel im Archipel. Die Republik Malediven, südwestlich von Sri Lanka, ist ein Staat mit rund 1200 Inseln, der sich – verteilt auf 19 Atolle – über eine Länge von 800 Kilometer erstreckt. Bis Ende 1987 sollen in dem von 180 000 Menschen bewohnten Archipel 62 tourist resorts für Urlauber aus aller Welt zur Verfügung stehen.

Laut diskutierend inspizieren die Herren aus der Hauptstadt Male neben Versorgungseinrichtungen und Stromaggregaten vor allem die neuen Gästequartiere, die sich im Halbkreis über das Eiland verteilen. Das sind nicht mehr einfache Hütten mit Dächern aus Palmenblättern wie noch vor einigen Jahren, sondern stabile, architektonisch ansprechend gestaltete Bungalows mit Dusche und WC. Auch die Rezeption und das Restaurant entsprechen nicht mehr dem häufig kritisierten, primitiven Hotelstandard von einst. Zwar beanstandet die Kommission einige Mängel am Küchengebäude, gibt aber noch am selben Tag Ellaidhu zur wirtschaftlichen Nutzung frei.

Enklaven westlicher Lebensart

Die Malediven, erst seit 1972 an der touristischen Börse gehandelt, haben eine stürmische Entwicklung hinter sich. In einem Zeitraum von nur dreizehn Jahren stieg die Besucherzahl von anfangs 1000 auf jetzt 100 000. Hatten die Bewohner früher ausschließlich vom Fischfang gelebt und nie im Leben daran geglaubt, daß einmal Fremde ihr Schicksal bestimmen sollten, so sind es heute die Erträge aus dem Tourismus, ohne die der kleine Staat kaum noch existenzfähig wäre. Über 60 Prozent der Staatseinnahmen – 25 Millionen Dollar insgesamt – kommen aus den Taschen tauchbegeisterter, sonnenhungriger und vornehmlich europäischer Feriengäste. Nirgendwo sonst zeigt sich Tauchern und Schnorchlern die Unterwasserfauna derart vielfaltig wie an den Korallenbänken der maledivischen Außenriffs.

Während auf den Atollen der „unforgettable islands“ das Lebensgefühl der Bewohner von Mohammeds Lehren beeinflußt wird (im 12. Jahrhundert bekehrte ein Reisender aus Marokko die Insulaner vom Buddhismus zum Islam), haben sich die tourist resorts weitgehend zu Enklaven westlicher Lebensart entwickelt. Dort gehört es zum alltäglichen Bild, wenn nur dürftig bekleidete Touristen achtlos am betenden Inselpersonal vorbeiflanieren, das sich in kargen Moscheen der Allgegenwart Allahs anvertraut.