Das Stochern in Postmodernem, der "neudeutsche Literaturstreit", die "Sekundärliteratur" um die "Ersatzfiguren Botho Strauß und Peter Handke" habe ihn, so schrieb er, zur Einstellung seiner Kolumne getrieben.

Entwarnung kann noch nicht gegeben werden: "Grass oder Walser, Jonke oder Kieseritzky könnten schon die nächsten Opfer sein." Schreibt aufgeregt das Literaturmagazin (Rowohlt, Hamburg; 192 S., 15,– DM) und treibt den Streit in tertiäre Dimensionen, erfindet gar die kritische Rezensionsphilologie. Angeregt durch eine Handke-Rede über den Tiefstand der Kritik, die angeblich immer noch Bücher verbrenne, hat Fritz Wefelmeyer es auf sich genommen, 35 Besprechungen von Straußens "Jungen Mann" zu rezensieren. "Der Ernst, mit dem das Buch plattgewalzt wurde, schien mir so ... wenig von dem Spielerischen, dem Wirklichkeitserfinden, vom Möglichkeitssinn des Textes affiziert, daß mir für die weitere Aufnahme des Textes beim Publikum wenig Gutes schwante. Dieser Text erschien mir, wie kaum ein anderer unter den damaligen Neuerscheinungen, eine anspruchsvolle Aufschlüsselung zu verlangen, die aber von den Rezensenten trotz ihres Gehabes vom ernsthaften Bemühen um Verständnis nicht einmal ansatzweise in Angriff genommen wurde."

Ja, was denn nun: Ernst oder Unernst? Als hätte Botho Strauß einen Oberstudienrat erfunden, werden die Rezensenten belehrt, was sie alles wissen müssen, etwa über die "Wiederaufnahme der Allegorie als Kunstform bei Baudelaire", bevor sie sich, möglichst in "profan heilsgeschichtlicher Erwartungshaltung" dem Text nähern dürfen und sich fragen: wieso ist er so? Spätfrankfurter Erhabenheit macht sich breit, aber wenn man die repetierbenjaminsche Philologie im Schlagschatten der goldschnittigen Meister liest, laut liest, dann riecht es nach Linoleum.

Diese Art Literaturkritik interessiert bald niemanden mehr; es ist nicht einmal schön widerlich, wenn Kritiker Kritiker "Sumpfblüten" nennen. Der Schauder bleibt aus, wenn Martin Lüdke es "tollkühn oder skandalös" schimpft, daß einer angesichts eines neuen Werkes von Strauß achselzuckend weitergeht; die "melancholische Ambition" der Dichtung, die Thomas Mann schon nach dem letzten Krieg begrub, ist ebensowenig zu retten wie die Würde der Kritik, denn, so Lüdke selbst: es gibt keine verbindliche Ästhetik mehr; die Zweifel am gesellschaftlichen Fortschritt haben auch der Ästhetik den Begriff literarischen Fortschritts geraubt, und die Kritiker sind fest im Sold der Verteilungsapparate. Aber ist die Welt wirklich so langweilig wie der sog. "Literaturstreit", ist die Not wirklich so groß, daß Klaus Podak nach der Droge rufen und in der "bebenden Prosa" der o. a. Dichter "Vorschläge zu gemeinschaftlichen Emphase" finden muß?

Dichter sind Handwerker, so großflächig wie Kritiker können sie nicht denken; sie machen kleine Schritte und sind nicht halb so langweilig. Birgit Kempker überrascht, auch, im Literaturmagazin, mit einem Modell privaten Glücks im öffentlich-rechtlichen Raum und dem "Museum für Wasser und Weib"; Rolf Haufs Gedichte künden traurig davon, daß der alte Denkfehler, unser Tod sei auch der Tod der Welt, vielleicht keiner mehr ist; und Urs Widmer wünscht sich unsern liebsten Dichter: "Es klingt fast lächerlich: er liebte die Welt. Klarerweise machte die Welt ihm diese Zuneigung nicht leicht. Daher käme einiger Schmerz. Er schliefe zum Beispiel nicht immer gut. Tränke zuweilen, ja. Brüllte. Wäre gern mit Frauen, mindestens mit denen, die auch gern mit ihm wären. Er wäre kein Softy, eher ein Hardy, am meisten aber ein Laurel."

Ein anderes Modell läuft derzeit aus. Das Konkursbuch 15 (Postfach 16 21, Tübingen; 168 S. 14,80 Mark) macht seinem Namen einmal mehr Ehre und stellt unter dem Titel "Verbot und Verheißung" die Grenzen und das Elend der zur Welt hin verstopften Subjektivität eher aus als vor. Da fliegen Rilkes Engel, George wandelt unterm Mandelbaum.

Warum? "Immer stärker", so schreibt Claudia Gehrke im Vorwort," wird in unsrem Jahrhundert die Sehnsucht nach einer (Selbst-)Erfahrung des Subjektes. Diese drückt sich gegenwärtig etwa aus in einer unklaren Suche nach mehr als bloß vernünftiger und erfolgsorientierter Lebensführung, nach mehr als bloßem Kommunizieren, nach mehr als bloß politischer oder intellektueller Aktivität."