Von Klaus Laermann „Die Adepten der Frankolatrie wollen vor allem eins nicht – verstanden werden. Vielmehr wehren sie bereits den Anspruch des Verstehens als Zumutung ab. Jedes Begreifen scheint ihnen von Übel Sie wittern darin den verfugenden Zugriff einer allgegenwärtigen Macht, der sie sich um keinen Preis aussetzen wollen.“

Nach dem Jargon der Eigentlichkeit, der die Konsolidierungsphase der Bundesrepublik bis in die frühen sechziger Jahre begleitete und dessen Wurzeln zurückreichten bis weit hinter die Zeit des Nationalsozialismus, wurden wir heimgesucht von der sprachlosen Beredsamkeit der Macher. Als die Opfer (auch die des Krieges) nicht mehr gefeiert werden konnten als „die allem Zwang enthobene, weil aus dem Abgrund der Freiheit erstehende Verschwendung des Menschenwesens in die Wahrung der Wahrheit des Seins für das Seiende“ (Heidegger), als nicht mehr „der Mensch durch seine Sprache im Anspruch des Seins“ wohnte (derselbe), als „die Macht des Unbedingten“ nicht länger „die wahre Stärke des Menschen“ als „echte(n) Grund aus der Tiefe sich schleierlos offenbaren“ ließ (Jaspers) – nun, da sahen wir uns auf einmal fassungslos Sätzen wie diesem gegenüber: „Gemäß der vorgegebenen Struktur seiner Sprachfähigkeit und den durch erfahrungsgesicherte Rekurrenz in Lernprozessen stabilisierten Verfahrensnormen realisiert der Sprecher intentionserfüllende syntaktische Matrizen ... als Aktualisierungsrahmen für Nennwertkombinationen.“ Auf die angedrehte Archaik der Sprache folgten die stromlinienförmigen Begriffe. Nicht daß es sich bei ihnen um Fremdwörter handelte, ist kritisch anzumerken, sondern daß sie oft Trivialitäten autoritativ Geltung verschaffen sollten. Blank geputzte Terminologien schienen in jener Zeit vor allem die Soziologie und die Linguistik bereitzustellen. Sie galten darin als Vorbilder für andere Disziplinen. In ihrem Einzugsbereich vor allem wurde dem Ideal einer völlig subjektfreien Wissenschaftssprache gehuldigt, in der nichts mehr auf einen Autor und dessen Absichten schließen ließ (oder gar an eine Rücksichtnahme auf den Leser erinnerte). Diese Terminologien verstellten den Blick auf die Welt durch Begriffsattrappen.

Seit Ende der sechziger Jahre entwickelten auch Theoretiker der Neuen Linken einen Begriffsfetischismus, mit dem sie ihrer Wortgläubigkeit makabre Denkmäler errichteten. Was sie nicht sagen konnten, las sich dann etwa so: „Die synthetische Arbeit verschiedener, untereinander divergierender Gesamtarbeiter – könnte, zur synthetischen Arbeit eines Gesamtarbeiters von globalem gesellschaftlichem Statut werden. Wovon hängt es ab? Offenbar davon, daß die Technologie entsprechende Verbundmaschinerien zur Verfügung stellt...“ Dieser Absturz von Marx zu Murks zeigt, daß offenbar keine Theorie gegen den Unsinn gefeit ist, den ihre Adepten regelmäßig dann aus ihr machen, wenn sie zur Mode wird. Kaum zu entscheiden ist, wie weit dafür die in solchen Fällen immer einsetzende Rezeption aus zweiter (bis letzter) Hand verantwortlich ist. Fraglich scheint auch, ob durch sie zur Kenntlichkeit entstellt wird, was an einer Theorie jeweils schon problematisch war, bevor sie Mode wurde.

Die Sekundärrezeption, die für jede Wissenschaftsmode kennzeichnend ist, ergibt sich aus den Schwierigkeiten, die zentralen Arbeiten einer Theorie zur Kenntnis zu nehmen. Oft fehlt dazu die Zeit, meist auch eine gründliche Ausbildung in Philosophie. So wären wohl die wenigsten jener stillen Bewußtseinsfreunde, die sich in der Pose eigenster Eigentlichkeit selbst bepriesterten, dazu in der Lage gewesen, Sein und Zeit zu lesen. Und auch die smarten Macher waren sich gewiß meist im unklaren über die theoretischen Grundlagen ihres New-speak. Wie verbreitet schließlich unter den Ableitungsdogmatikern der Neuen Linken die Kenntnis der Schriften von Marx war, sei dahingestellt.

Auch in der Wissenschaft treten die Moden auf als „die ewige Wiederkehr des Neuen“ (Walter Benjamin). Sie leben von dem Überraschungseffekt, den die ostentative Beherrschung einer neuen Sprachform bei denen auslöst, die ihr zunächst einigermaßen verständnislos gegenüberstehen. Immer spekulieren sie mit dem Bluff, der keine Rückfragen gestattet. Begünstigt werden sie dabei durch die geringe Fähigkeit vieler Intellektueller, sich dem Sog eines verblüffenden Sprachspiels zumindest so lange zu widersetzen, bis sie mit ihm eine gewisse Anschauung verbinden.

Mit einem Bein im Fortschritt,

Regelmäßig kommt beim Wechsel der Moden auch ein Schuß Opportunismus ins Spiel. Das Bedürfnis, sich von anderen zu unterscheiden, ist offenbar gerade im Wissenschaftsbetrieb so groß, daß es vielen nicht so wichtig ist, wofür sie sich entscheiden. Noch weniger scheinen sie sich darum zu sorgen, wie oft und wie leicht sie ihre Entscheidungen zugunsten anderer Auffassungen revidieren. Formen und Inhalte spielen eine ersichtlich geringere Rolle als der Zwang zu marginaler Differenzierung.