Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung

Von Jürgen Habermas

Es ist ein auffallender Mangel der Literatur über den Nationalsozialismus, daß sie nicht weiß oder nicht wahrhaben will, in welchem Ausmaß all dasjenige, was die Nationalsozialisten später taten, mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung, in einer umfangreichen Literatur der frühen zwanziger Jahre bereits beschrieben war... Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine „asiatische“ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer „asiatischen“ Tat betrachteten?“

Ernst Nolte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. Juni 1986

I.

Der Erlanger Historiker Michael Stürmer bevorzugt eine funktionale Deutung des historischen Bewußtseins: „In einem geschichtslosen Land, (gewinnt derjenige) die Zukunft, der die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet.“ Im Sinne jenes neokonservativen Weltbildes von Joachim Ritter, das in den siebziger Jahren von seinen Schülern aktualisiert worden ist, stellt sich Stürmer Modernisierungsprozesse als eine Art Schadensabwicklung vor. Der einzelne muß für die unvermeidliche Entfremdung, die er als „Sozialmolekül“ in der Umgebung einer versachlichten Industriegesellschaft erfährt, mit identitätsstiftendem Sinn kompensiert werden. Stürmer sorgt sich freilich weniger um die Identität des einzelnen als um die Integration des Gemeinwesens. Der Pluralismus der Werte und Interessen treibt, „wenn er keinen gemeinsamen Boden mehr findet... früher oder später zum sozialen Bürgerkrieg“. Es bedarf „jener höheren Sinnstiftung, die nach der Religion bisher allein Nation und Patriotismus zu leisten imstande waren“. Eine politisch verantwortungsbewußte Geschichtswissenschaft wird sich dem Ruf nicht versagen, ein Geschichtsbild herzustellen und zu verbreiten, das dem nationalen Konsens förderlich ist. Die Fachhistorie wird ohnehin „vorangetrieben durch kollektive, großenteils unbewußte Bedürfnisse nach innerweltlicher Sinnstiftung: (sie) muß diese aber“ – und das empfindet Stürmer durchaus als ein Dilemma – „in wissenschaftlicher Methodik abarbeiten“. Deshalb macht sie sich auf „die Gratwanderung zwischen Sinnstiftung und Entmythologisierung.“

Beobachten wir zunächst den Kölner Zeithistoriker Andreas Hillgruber bei seiner Gratwanderung. Ohne fachliche Kompetenz traue ich mich an die jüngste Arbeit dieses renommierten Zeithistorikers nur heran, weil diese in einer bibliophilen Ausgabe unter dem Titel „Zweierlei Untergang“ bei Wolf Jobst Siedler erschienene Untersuchung offensichtlich an Laien adressiert ist. Ich notiere die Selbstbeobachtung eines Patienten, der sich einer revisionistischen Operation seines Geschichtsbewußtseins unterzieht.