Von Barry Graves

Wenn ich unser Gespräch so überdenke“, sagt Brigitte Mira zum Abschied, „dann hast du mir eigentlich nur Gemeinheiten aus der Presse zitiert. Hübsche Sachen habe ich wenige gehört.“

Das stimmt und ist doch nicht wahr. Zwar wurde sie „Witz-Nudel“ genannt, „Krawalltüte“ und „Hinterhof-Soubrette“, auch als „Berufsberlinerin“ charakterisiert, die als „bekannteste Tingeltante der Republik“ durch „die seichten Gewässer der Fernsehunterhaltung“ treibe, doch wirklich übel vermerkt hat keiner der Schreiber, daß die Schaupielerin Brigitte Mira anscheinend wahllos auf Ochsentour durch Biergärten, Festzelte und Betriebskantinen ging. „Ich hatte eine Mutter und zwei kleine Kinder zu ernähren“, verteidigt sie sich, „da habe ich manches Engagement angenommen, wo die Frau Meysel sicher abgewinkt hätte.“

Wir sitzen in Berlin am Drehort des ZDF-Fernsehfilms „Vicky und Nicky“ in ihrer Garderobe, und sie hat eigentlich gar keine Zeit für ein Gespräch. Die Maskenbildnerin färbt ihr die roten Haare nach; das bedingt Prozeduren, die die Unterhaltung ständig unterbrechen. Außerdem hat sie einen anstrengenden Tag vor der Kamera gehabt, der Regisseur war nicht bei Laune, und eine Reporterin vom Rundfunk ist ihr pampig gekommen. Unter solchen Umständen war es keine gute Idee, das Interview mit einem Strauß negativer Pressestimmen zu beginnen. Die Mira reagiert defensiv, nahezu unwirsch.

„Was die Zeitungen so schreiben“, sagt sie. „Ich war doch so gerne Soubrette, ich war der Liebling am Kieler Theater, ich hab bei Felsenstein an der Komischen Oper im .Pariser Leben‘ gesungen, ich war bei Schaeffers im ‚Kabarett der Komiker’, ich hab bei Zadek in Bochum Theater gespielt. Das ist doch was, da brauch’ ich mich doch nicht zu verstecken.“

Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätte sie gern „richtig Gesang“ studiert und wäre am liebsten Opernsängerin geworden. Der Vater, selber Musiker, hätte es gern gesehen, wenn seine Tochter Musikpädagogin geworden wäre. Doch „Biggi“ wollte lieber tanzen. „Schließlich“, sagt sie kokett, „war ich sehr niedlich, eine hübsche Person, hatte eine gute Figur, mit wahnsinnig langen Beinen und einer Taille, die zwei Männerhände bequem umfassen konnten.“

Ihr Multitalent blieb nicht unentdeckt. An der Kölner Oper durfte sie vom Fleck weg in der „Verkauften Braut“ die Esmeralda singen. Siebzehnjährig ging sie als Soubrette nach Bremen. Franz Lehár holte sie zur deutschen Premiere von „Giuditta“ nach Hamburg, und Willy Schaeffers engagierte sie schließlich als Kabarettistin nach Berlin.