Rauchen und Gesundheit Schuld ist nicht nur der Teer
Daß Zigarettenrauchen ungesund ist, bezweifelt wohl niemand mehr. Uneinigkeit herrscht aber darüber, welche Bestandteile des Tabakrauchs an den Zellen des Atemtrakts Krebsschaden anrichten oder, vom Blut aufgenommen, den Kreislauf ruinieren. Der Bundesgesundheitsminister, der uns auf jeder Zigarettenpackung und jedem Reklameplakat vor der Schädlichkeit des Qualmens warnt, läßt uns zugleich wissen, wieviel Nikotin und wieviel Teer der Rauch einer Zigarette der betreffenden Marke enthält. Seitdem die Hersteller von Tabakwaren diese Zahlen bekanntgeben müssen, haben sich die meisten von ihnen darum bemüht, mit allerlei Filterstoffen, zumeist Azetatfasern, und Filterkonstruktionen vor allem den Teer aus dem Zigarettenrauch zu entfernen, um dann mit niedrigen Werten in der Werbung prahlen zu können. Tatsächlich können bis zu 75 Prozent des Teers aus dem Rauch gefiltert werden. Doch verringert dies das Krebsrisiko des Rauchers?
Robert Griffith, Pharmakologe an der Universität von Kentucky, bezweifelt es. Seine Skepsis basiert auf Versuchen an Mäusezellen. Er begaste die Zellkulturen mit dem Rauch verschiedener Zigarettensorten und beobachtete, daß die Absterbensrate der Zellen nahezu unabhängig vom Teergehalt des Rauchs war. Die Anzahl der Zellen, die als Folge der „Rauchvergiftung" zerstört wurden, verringerte sich mit dem Grad der Ausfilterung von Schwebstoffen kaum.
Wesentlich weniger Zellen aber starben im Zigarettenrauch, der durch ein Filter aus aktiver Kohle gezogen worden war. Griffith berichtet im Fachblatt Archives of Toxkology (Vol. 58), daß im ungefilterten Tabakqualm 87 Prozent der Mäusezellen abstarben, jedoch im Rauch einer Zigarette mit einem Filter, das 100 Milligramm Aktivkohle enthielt, nur zwölf Prozent.
Im Gegensatz zu den nur mechanisch wirkenden Azetatfiltern reagiert ein Kohlefilter chemisch und kann deshalb Gasbestandteile aus dem Rauch entfernen. In den sechziger Jahren hatte denn auch die Industrie mit „Charcoalfiltern" experimentiert. Die Raucher aber dankten es ihr kaum. Zwar sind solche Filterzigaretten noch auf dem Markt, aber sie finden nur wenig Zuspruch, weil ihnen die Würze fehlt - vielleicht auch deshalb, weil sich herumgesprochen hat, daß die Aktivität der Kohle mit der Lagerzeit der Zigarette erheblich nachläßt.
Mit der Zeit läßt auch die Giftigkeit des Tabakrauchs jedenfalls für Zellkulturen nach. Rauch, der eine Weile abgestanden war, vernichtete erheblich weniger Zellen als frisch gezogener Qualm aus der Zigarette. Dies und die Wirkung des Kohlefilters deutet Griffith als Hinweis darauf, daß an der Schädlichkeit des Rauchens offenbar reaktionsfreudige und darum kurzlebige Atomgruppen aus Gasen (freie Radikale) beteiligt sind ow
- Datum 18.07.1986 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.7.1986 Nr. 30
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