Der russische Bühnendichter in der Übersetzung und Bearbeitung durch Thomas Brasch

Man muß schon was Eignes dazutun, sonst versteht hier jeder alles falsch. So ist es eben manchmal: je richtiger – desto falscher. Schließlich sind das zwei Kulturen, die deutsche und die russische.“ Solche Sätze sucht man bei Tschechow vergeblich. Thomas Brasch hat sie Trofimow („Der Kirschgarten“) in den Mund gelegt, um ein persönliches Message an den Leser zu richten: da habt ihr, bittschön, meine Auffassung vom Übersetzen Tschechowscher Stücke. Hat man sich bis zu dieser Seite 354 durchgelesen, weiß man allerdings längst, wie konsequent Brasch bearbeitet, mit welchen Mitteln er modernisiert, die „zwei Kulturen“ zusammenbringt. Was er dabei gewinnt und verliert.

Beginnen wir mit den Verlusten. Keine „fin de stècle“-Stimmung, kein russischer „ennui“, keine Zwischentöne, keine Tschechowsche „Unterströmung“, keine Zartheit und Trauer; statt dessen Lebensüberdruß, Ekel, viel Grobes und Vulgäres. Klassenkämpferisches Pathos, wo Tschechows Figuren von einer lichten Zukunft träumen. Bei Brasch ist selbst die Hoffnung ausgeträumt. Alles tut weh in diesem endzeitlichen Mief. Und da wir mittlerweile alle im selben Boot der Post-Historie sitzen, haben Zeitgeschichte und Lokalkolorit von damals wenig zu suchen. Brasch eliminiert oder macht aus dem Sohn eines Küsters, einem sogenannten „Seminaristen“, den Sohn eines Pfarrers. Das ist falsch und verstößt ebenso gegen Tschechow wie die Tatsache, daß er fast alle Figuren gleich reden läßt, nämlich forsch und betont reißerisch. Während sich die schöne Jelena Andrejewna („Onkel Wanja“) im Original damit begnügt, den Landarzt Astrow als einen raren Menschen zu loben, fügt sie bei Brasch derb hinzu: „in diesem Land, das voll ist von Idioten“. Entsprechend bezeichnet sie die banalen, grauen Menschen ihrer Umgebung als „plappernde Fratzen“.

Sentimentales wird radikal ausgemerzt, Worte wie „Glück“, „sanft“, „gütig“ oder „rein“ kommen bei Brasch nicht vor. Man opfert sich nicht auf, sondern „schenkt sich weg“. Ein Greis wird zum „Halbtoten“, Talentlosigkeit zum „Gehirnvakuum“. Und was man nicht mag, „kotzt einen an“.

Doch solche Vergröberung hat System. Brasch ergänzt sie durch den Lakonismus, durch einen überprägnanten Redestil, indem er allenthalben strafft und kürzt, Wiederholungen, (bewußt) umständliche Ausführungen schlicht beseitigt. Tschechow muß sich eine Brechtsche Kur gefallen lassen. Selbst Majakowskij grüßt von ferne, wenn Brasch den Text rhythmisiert, mit kecken „Binnenreimen“ versieht: „auf den Tisch gepackt .. in der Narkose weggesackt“. Knapp und bündig wird alles, griffig und direkt. Während bei Tschechow/Urban Onkel Wanja die verehrte Jelena Andrejewna mit den Worten anschwärmt: „Kann ich Sie anders anschauen, wenn ich Sie liebe? Sie sind mein Glück, mein Leben, meine Jugend! Ich weiß, meine Chancen auf Gegenliebe sind mehr als gering, gleich Null, aber ich brauche ja nichts, erlauben Sie mir nur, Sie anzuschauen, ihre Stimme zu hören...“, heißt es bei Brasch: „Was soll ich Sie denn ansehn. Ich liebe Sie. Und Sie lieben mich nicht. Das wird sich auch nicht ändern.“

Illusions- und geheimnislos sind diese Figuren, reden vorzugsweise in Hauptsätzen und tragen dick auf. Das Minus an Sentiment kompensiert Brasch durch ein Plus an Ideologie: revolutionärer Jargon („Ausplünderung“, „Ausbeutung“, „Parasit“) und Antimilitarismus („Eigentlich ist das Militär schon völlig überflüssig. Es sitzt nur noch herum“) sind Einschreibungen von Brasch.

Dennoch: das Ganze hat System und eine eigenartige Faszinationskraft. Wunderbar schlicht der Schlußmonolog von Sonja in „Onkel Wanja“: „Warum weinst du denn, Onkel Wanja. Vielleicht geht’s danach wirklich weiter, so wie wir’s uns immer vorgestellt haben. Ein anderes Leben, ein richtiges, von vorn bis hinten ein völlig richtiges Leben. Und alles still. Ein stilles Leben. Auch hier drin. In mir. Ein richtiges stilles Leben.“