Otmar Emminger–Geldpolitiker aus LeidenschaftEin Leben für die Mark

von Rudolf Herlt

Nun hat ihm das Schicksal den letzten Streich gespielt. Den Auftrag der Bundesregierung, die neue philippinische Regierung währungspolitisch zu beraten, konnte der ehemalige Bundesbankpräsident Otmar Emminger nicht mehr ausführen. Am Freitag der vergangenen Woche reiste der 75jährige nach Manila, am Sonntag ereilte ihn dort der Tod.

Ein Mann seines Zuschnitts hat sich nur schwer mit dem beschaulichen Leben eines Ruheständlers abfinden können. Rastlos hat dieser aktive Mann auch nach seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben in seinem Metier weiter gearbeitet, sei es als zurückschauender Buchautor, der seine Erfahrungen mit der Währungspolitik der Nachkriegszeit niederschrieb (das Buch wird bald erscheinen), sei es als Analytiker der Gegenwartsprobleme in der Group of Thirty, einer Gruppe von Fachleuten, die die aktuelle Währungspolitik begleiten. Er konnte nicht anders – die Währungspolitik war seine Leidenschaft, sein Beruf, sein Hobby. Seit 1953 war er immer dabei, wenn es darum ging, die Mängel des Weltwährungssystems zu reparieren, Pfund- oder Dollarkrisen zu bewältigen.

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Er war zwar nur zweieinhalb Jahre Präsident der Deutschen Bundesbank, aber 27 Jahre stand er im Dienst der Währungspolitik. Sein Leben war der Deutschen Mark gewidmet. Er tat alles, daß sie im Inland stabil und im Ausland hoch geschätzt war. In der westlichen Welt gibt es nur eine Handvoll Männer seines Kalibers, die so vollendet auf der Klaviatur der Währungspolitik zu spielen verstehen. Sein Scharfsinn, seine Kenntnisse und Erfahrungen prädestinierten ihn zum „Außenminister“ der Deutschen Bundesbank. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt übertrieb nicht nennenswert, als er ihn bei der offiziellen Verabschiedung im Dezember 1979 den „heimlichen Außenminister der Bundesregierung“ nannte, Genscher, fügte Schmidt augenzwinkernd hinzu, dürfte das freilich nicht hören.

In diese Rolle war der gebürtige Augsburger Emminger wie selbstverständlich hineingewachsen. Seit er dem Bundesbankdirektorium angehörte, war er dort für internationale Währungsfragen zuständig. Er behielt dieses Dezernat auch dann bei, als er Anfang 1970 beim Amtsantritt des Präsidenten Karl Klasen dessen Vizepräsident wurde.

Daß damals nicht Emminger Präsident wurde, mag er wohl als einen Streich des Schicksals empfunden haben. In Bonn regierte in jenen Tagen die sozial-liberale Koalition. Karl Schiller, der damals als Bundeswirtschafts- und Finanzminister die Männer für die Bundesbankspitze vorzuschlagen hatte, hätte wahrscheinlich nicht gezögert, Emminger zum Präsidenten zu machen. Doch er kannte seinen Kanzler Willy Brandt und seine Kabinettskollegen nur zu gut. Später erzählte Schiller, daß es nicht einmal ganz einfach war, das Kabinett für das Gespann Klasen/Emminger zu gewinnen. An Klasen nahmen die Sozialdemokraten trotz seiner Großbankenvergangenheit keinen Anstoß, da er einer der Ihren war. Aber Emminger wurde, obgleich nicht Parteimitglied, dem Lager der CDU/CSU zugerechnet. Schiller war freilich eloquent genug, seinen Willen im Kabinett durchzusetzen.

Die sozial-liberale Regierung hat es nicht bereut. Emminger erwies sich als loyaler Vizepräsident, der nicht die geringsten Zweifel darüber aufkommen ließ, daß er sich keiner Partei, sondern nur dem Gesetz verpflichtet fühlte, das die Unabhängigkeit der Notenbank sichert, ihr aber zugleich aufträgt, bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung zu unterstützen. Helmut Schmidt kannte Emmingers Loyalität. Als es im Mai 1977 darum ging, den Präsidentenstuhl neu zu besetzen, den Karl Klasen frei gemacht hatte, stand es für Schmidt fest, daß er Emminger berufen würde. Wenn auch nur für die zweieinhalb Jahre, da der neue Präsident 1979 das 68. Lebensjahr erreichte.

Doch er hat diese Zeit auf seine Weise dafür genutzt, daß Regierung und Notenbank zum Nutzen der Mark wirtschaftspolitisch an einem Strang zogen. Auf seine Weise – das heißt, der Kraft des Arguments vertrauend. Ihm stand nicht der hochmütige Stolz zur Verfügung, mit dem einst Bundesbankpräsident Wilhelm Vocke Bundeskanzler Konrad Adenauer mit unerbittlicher Strenge die Grenzen seiner wirtschaftspolitischen Macht fühlen ließ. Emminger gebot auch nicht über jenen schwäbischen Eigensinn, mit dem Karl Blessing die Kanzler Adenauer, Erhard und Kiesinger in ihre Schranken verwies. Ihm fehlte auch das freundschaftlich-vertraute Verhältnis zum Kanzler, auf das sich Klasen stützen konnte. Emminger verschaffte sich allein mit der Klarheit seiner Gedanken, mit seinem Weitblick und einem unbestechlichen Urteil den Respekt des Kanzlers.

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