Als Paul Tillich 1933 als erster nichtjüdischer deutscher Hochschullehrer abgesetzt wurde und nach Amerika emigrierte, hat er sich dort bei seinen neuen Hörern und Lesern mit einer autobiographischen Skizze eingeführt. Dieser Skizze hat er den Titel „Auf der Grenze“ gegeben und damit den Standort seines Lebens und Denkens bestimmt. Die Grenze gilt Tillich als der „fruchtbare Ort der Erkenntnis“, wobei der Begriff der „Grenze“ für ihn freilich mehr auf das Verbindende als auf das Trennende hinweist.

Im Vorwort zu jener autobiographischen Skizze schreibt er: „Als ich die Aufforderung erhielt, die Entwicklung meiner Gedanken aus meinem Leben heraus darzustellen, entdeckte ich, daß der Begriff der Grenze geeignet ist, Symbol für meine ganze persönliche und geistige Entwicklung zu sein. Fast auf jedem Gebiet war es mein Schicksal, zwischen zwei Möglichkeiten der Existenz zu stehen, in keiner ganz zu Hause zu sein, gegen keine eine endgültige Entscheidung zu treffen.“

Dem gedanklichen Stehen auf der Grenze entsprach Tillichs berufliches Schicksal. Er stammte aus einem Pfarrhaus in der Lausitz (geboren am 20. August 1886), studierte Theologie und Philosophie und promovierte kurz nacheinander in beiden Fächern. Nach dem Ersten Weltkrieg habilitierte er sich als Privatdozent für Theologie in Berlin, wurde 1924 außerordentlicher Professor für Theologie und Religionsphilosophie in Marburg, 1925 Professor der Religionswissenschaften an der Technischen Hochschule in Dresden und zugleich Honorarprofessor für Theologie in Leipzig. 1929 übernahm er als Nachfolger Max Schelers den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main.

Bereits 1933 wegen seiner Zugehörigkeit zu den „Religiösen Sozialisten“ und wegen seines Eintretens für die jüdischen Studenten gegen den Terror des NS-Studentenbundes vom Amt suspendiert, emigrierte er nach Amerika und wurde Professor am Union Thelogical Seminary in New York; gleichzeitig hielt er wieder philosophische Vorlesungen an der Columbia University. Nach seiner Pensionierung im Jahre 1955 verlieh ihm die Harvard University in Cambridge/Mass. die höchste akademische Würde, die Amerika zu verleihen hat und die bisher nur ganz wenigen zuteil geworden war: Er wurde „University Professor of Harvard“, mit der Befugnis zu lesen, was und wann er wollte.

Während seiner letzten Lebensjahre lehrte er – neben Gastvorlesungen in Europa – an der Universität in Chikago. Für Ende Februar 1966 hatte er noch einmal mit fast achtzig Jahren den Beginn einer neuen Vorlesungstätigkeit an der New School of Social Research in New York geplant; dort wollte er seine erste Vorlesung über „Die religiöse Dimension der politischen Ideen“ halten. Sein Tod am 22. Oktober 1966 ist dem zuvorgekommen.

Also ein ständiger Wechsel zwischen den Fakultäten, zwischen den Kulturen, zwischen den Sprachen, zwischen der Alten und der Neuen Welt, aber kein Wechsel in der Sache. Als Theologe versuchte Tillich Philosoph zu bleiben und als Philosoph Theologe: „Der ungewöhnliche Name für den Lehrstuhl, den ich vertrete, ist philosophische Theologie. Für mich paßt diese Bezeichnung besser ab jede andere, da die Grenzlinie zwischen Philosophie und Theologie das Zentrum meines Denkens und Arbeitens ist“ – „Gegen Pascal sage ich: der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Gott der Philosophen ist der gleiche Gott.“

Tillich ist zwar zeit seines Lebens ein Grenzgänger gewesen – und dies nicht nur zwischen Theologie und Philosophie, sondern auch zwischen der Theologie und allen anderen Lebensgebieten –, aber er ist niemals ein Überläufer geworden, weder nach der einen noch nach der anderen Seite. Er verbindet die gläubige und die denkende Existenz in Personalunion und hält die Spannung zwischen beiden aus. Er war ganz einfach, was heute so selten geworden ist: ein frommer Denker – kein Schulhaupt, aber ein großer Lehrer. Viele Menschen hat er mit seinen Gedanken getröstet; er war ein Seelsorger mittels des Gedankens.