Lektion für die Lehrer

von Birgit Jähnke

Auf der Suche nach einer Perspektive: So ließen sich die Beiträge einer Abiturientin und einer Studentin resümieren, die wir in den letzten Wochen veröffentlichten. Nun erreichte uns eine Abiturrede, deren Verfasserin an die Berufserzieher appelliert

Wir blicken in keine rosige Zukunft. Keiner von uns hat das Gefühl, jetzt heraustreten zu dürfen, um die Welt zu erobern. Jugendlicher Überschwang, idealistische Begeisterung, Sturm und Drang, diese Begriffe passen auf uns nicht.

Wir sind nicht wie die Schülergeneration der Nachkriegsjugend, zu der viele von Ihnen, liebe Eltern und Lehrer, gehörten. Auch sind wir nicht zu vergleichen mit der Schülergeneration von 1968. Wir sind keine Protestler. Manche behaupten sogar, wir seien zu angepaßt.

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Wir feiern also unser Abitur unter ganz anderen Vorzeichen. Wir haben eine Hürde genommen – die erste. Darauf sind wir stolz. Aber unser Abiturzeugnis? Ein wertloser Berechtigungsschein. Für alle Lehrberufe, für alle Ausbildungsberufe gibt es Eignungstests und Wartelisten, für das Studium den Numerus clausus; die Arbeitslosigkeit bedroht auch uns – wir werden uns immer wieder anstrengen müssen. Wir glauben nicht, daß wir alles erreichen können, was wir wollen. Wir haben ein äußerst unsicheres Verhältnis zu unserer Zukunft.

Ursache sind äußere Umstände, für die Sie, liebe Lehrer, nicht verantwortlich sind. Doch einen Punkt möchte ich hier anführen, der Sie betrifft. Wer sich in der Schule ernsthaft für ein Fach interessiert hat, wird sich leichter ein Ziel setzen können. Wer sogar erfahren hat, daß es viele interessante Fächer gibt, wird bereit sein, weiter zu lernen, zu vertiefen. Dieser Schüler wird auch nicht so schnell resignieren. In diesem Punkt nehmen Sie als Lehrer ganz entscheidend auf unser Leben Einfluß.

Ich behaupte, daß es keinen von vornherein desinteressierten Schüler gibt. Natürlich stumpfen wir im Schulbetrieb oft ab. Aber jedesmal, wenn wir in unserer Schulzeit ein neues Fach, einen neuen Lehrer bekommen haben, waren wir voller Erwartung, gespannt, was nun kommen würde. Ich behaupte, daß ein Lehrer, der seine Schüler von vornherein für einen uninteressierten Haufen hält, einen schweren, unentschuldbaren Fehler begeht. Gelangweilte Lehrer, abgestumpfte Schüler – ein Teufelskreis, der oftmals schon in der Mittelstufe begonnen hat. In der Oberstufe geht’s dann auf das Abitur zu – Interesse ist da ein Luxus, den höchstens noch Religionslehrer für selbstverständlich halten.

Auch die Kameradschaftlichkeit, eine tolle Sache und ein sympathischer Zug vieler unserer Lehrer, ersetzt nicht, worauf es wirklich ankommt: daß Sie als Lehrer zu dem Fach stehen, das Sie schließlich selber einmal gewählt und studiert haben, daß Sie in den Schülern das gleiche Interesse wecken, das Sie dazu gebracht hat, das Fach, Ihr Fach zu studieren. (Mathematiklehrer wissen, daß Mathematik Spaß macht, 90 Prozent der Schüler wissen es nicht.) Sonst wäre es tatsächlich einfacher, wenn der Schüler das Schulbuch nimmt und es zu Hause durchliest.

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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