Von Franz Schöler

Den potentiellen Kunden klingt die Botschaft aus Japan wie Musik in den Ohren. In der Branche hat sie hingegen schrille Mißtöne erzeugt. Die großen japanischen Konzerne der Unterhaltungselektronik wollen bald eine Erfindung auf den Markt bringen, die das gesamte Musikgeschäft durcheinanderwirbeln kann: die Digital Audio Cassette, kurz DAT genannt. Sie kann nicht nur mit den dauerhaft klaren Klängen der silbernen, bierdeckelgroßen Compact-Disc (CD) konkurrieren, die neuen Cassetten machen auch noch den perfekten Musikklau möglich.

PolyGram-Chef Jan Timmer, in London residierender Chef der Musik-Tochterunternehmen des niederländischen Philips-Konzerns, ist geradezu entrüstet: „Die haben uns in Japan die Tür vor der Nase zugeschlagen“, klagte er vor hochrangigen Kollegen der amerikanischen Plattenindustrie! Der Präsident des internationalen Platten-Multis (Marken: Deutsche Grammophon, Polydor, Decca, Philips) wollte mit der japanischen Konkurrenz über die Markteinführung der neuen Technik verhandeln. Doch es kam nicht einmal zu Gesprächen.

Timmer fürchtet die technischen Möglichkeiten der neuen Tonträger. Im Gegensatz zur herkömmlichen, mittlerweile über zwanzig Jahre alten Compact-Cassette kann auf dem digitalen Band praktisch ohne Qualitätseinbußen mitgeschnitten werden, was Plattenindustrie und Rundfunk – die beiden Hauptlieferanten von Musik – anbieten. Der Unterschied zwischen Original und Kopie ist bei DAT wegen der digitalen Speicherung allenfalls noch meßbar, bewegt sich aber in so winzigen Größenordnungen, daß er nicht mehr hörbar ist. Es würden perfekte Raubkopien von urheberrechtlich geschützten Aufnahmen möglich.

Genau das aber kann den Musik-Machern, die ihr Geld schließlich mit von ihnen bespielten Produkten verdienen, nicht recht sein. Denn sogar die Compact-Disc als technisch fortschrittlichster Tonträger, den die Plattenindustrie seit Ende 1982 mit wachsenden Gewinnen verkauft, läßt sich auf DAT „praktisch verlustfrei“ kopieren, weiß Philips-Chefentwickler Gaston Bastiaens.

Schon jetzt schätzt die Branche ihre Umsatzeinbußen durch privates Mitschneiden auf 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr. Allein in der Bundesrepublik werden jährlich rund 100 Millionen unbespielte Audio-Cassetten verkauft – fast soviel, wie die einheimische Plattenbranche an sogenannten Langtonträgern absetzt.

Kein Wunder also, daß der CD-Erfinder Philips genauso wie die europäische und amerikanische Musikindustrie eine unmißverständliche Abwehrhaltung gegenüber DAT einnimmt. Immerhin hat der niederländische Elektronik-Konzern seit den frühen siebziger Jahren Milliarden in Forschung, Entwicklung und Fertigungsstätten für Kompaktschallplatten und entsprechende Abspielgeräte investiert. Den Erfolg, der sich mittlerweile auch in den USA, dem größten Musikmarkt der Welt, abzeichnet, möchte niemand in den Chefetagen durch digitale Bandmaschinen gefährden lassen.