Von Eberhard Jäckel

Es gibt Diskussionen, die ihren Reiz dadurch erhalten, daß nicht klar ausgesprochen wird, was gemeint ist. Statt Fragen zu stellen und Antworten zu geben, um sie alsdann zu überprüfen, werden Aussagen in Frageform vorgetragen, um anzudeuten, was nicht belegt werden kann oder soll, und wer bei dem Spiel ertappt wird, erwidert mit Empörung und unschuldiger Miene, man werde ja noch fragen dürfen. In Wahrheit aber war die Frage gar keine Frage gewesen, sondern eine verdeckte Aussage, und der scheinbare Fragesteller hatte sich nur der Mühe entzogen, sie zu begründen, und die Überzeugungsarbeit einigen verklausulierten Andeutungen überlassen. Ein solches Verwirrspiel wird derzeit bei uns aufgeführt.

Es begann mit dem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. Juni 1986, in dem Ernst Nolte dafür plädierte, nicht immer „nur auf einen Mord“, nämlich den nationalsozialistischen, hinzublicken, ohne auch den anderen, nämlich den bolschewistischen, zur Kenntnis zu nehmen. Es entsprach den Spielregeln, daß er, wörtlich genommen, gar nicht plädiert, sondern lediglich gesagt und auch das noch durch einen Nebensatz eingeschränkt hatte, eine Einstellung, die nur auf den einen Mord hinblicke, führe in die Irre, das aber „gründlich“. Wer eine solche Einstellung eingenommen haben sollte, verriet Nolte nicht. Er unterstellte, daß es jemand getan hatte.

Sollte das zutreffen, wäre es offensichtlich unsinnig. Was wäre Geschichte, wenn sie so einäugig wäre? Anstatt aber diese einfache Einsicht mit ein paar einfachen Worten noch einsichtiger zu machen, deutete Nolte in einem weiteren Nebensatz an, zwischen den beiden Morden sei „ein kausaler Nexus wahrscheinlich“. Das war, zumal aus dem Munde eines angesehenen Historikers, aufregend, und man konnte erwarten, daß Nolte seine These begründet und die Diskussion sich darauf zugespitzt hätte.

Nichts von dem aber trat ein. Statt dessen antwortete Jürgen Habermas in der ZEIT vom 11. Juli, indem er Nolte und einigen anderen deutschen Historikern apologetische Tendenzen vorwarf. Der Verdacht lag angesichts von Noltes Argumentation, von der noch die Rede sein wird, in er Tat nahe, und Habermas belegte ihn auch, indem er die Wortwahl einiger Historiker mit guten Gründen beanstandete. Zur Sache indessen und zu Noltes These sagte er nichts. Das tat auch Klaus Hildebrand nicht, der, nun wieder in der Frankfurter Allgemeinen vom 31. Juli, Habermas entgegnete und dabei vor allem seinen Kollegen Andreas Hillgruber in Schutz nahm, dem Habermas auch nach meinem Empfinden Unrecht getan hatte. Über Nolte aber sagte er wenig mehr, als daß nicht einzusehen sei, warum wir „uns Frageverbote auferlegen“ sollten. Wer uns solche Verbote auferlegen will, verriet er nicht. Er führte das Spiel fort, indem er unterstellte, daß es jemand getan hatte.

So ging es mit ein paar Leserbriefen und Artikeln weiter, bis Joachim Fest in die Diskussion eingriff und in derselben Zeitung vom 29. August ausführlich „Zur Kontroverse über die Unvergleichbarkeit der nationalsozialistischen Massenverbrechen“ Stellung nahm. Zunächst nannte er die Ausführungen von Habermaß „eine neue Variante“ der „elenden Praxis“, die spätestens seit dem Ende der sechziger Jahre üblich geworden sei, nämlich nicht die Ergebnisse von Historikern zu erörtern, sondern deren Motive. Daß dies seit dem ominösen Datum üblich geworden sein soll, begründete Fest nicht und hätte es auch nicht begründen können. Denn es ist unbestreitbar, daß seit jeher sowohl die Ergebnisse als auch die Motive der Historiker erörtert werden. Daß etwa Tacitus „sine im et studio“ zu schreiben behauptete, es aber in Wahrheit nicht tat, weil er Motive hatte, ist nun wirklich eine alte Einsicht. Man nennt die Überprüfung Ideologiekritik, und sie ist ebenso legitim wie die fachliche. Fest hingegen nennt sie eine „elende Praxis“ und schiebt, sie nebenbei durch eine chronologische Insinuation auch noch den Linken in die Schuhe. Doch während man schon befürchten mußte, die Diskussion gerate abermals ins Abseits, kam Fest verdienstvollerweise zur Sache. Freilich griff er ein Thema auf, das bisher nicht diskutiert worden war. Er sagte, Nolte leugne „die Singularität der nationalsozialistischen Vernichtungsaktionen überhaupt nicht“. Das hatte dieser ausdrücklich in der Tat nicht getan. Nur Habermas hatte den Begriff einmal verwendet. Doch auch das gehört zum Spiel: Man greift auf, was nicht gesagt wurde, weil man ahnt, was gemeint war, und spricht von einer Kontroverse, wo noch gar keine stattgefunden hat. Darauf führte Fest seinerseits drei Argumente an, die angeblich gegen die Singularität sprechen, und schloß sich dann Nolte an, indem er sagte, es könne nicht unzulässig sein, „einen Zusammenhang herzustellen zwischen den Greuelmeldungen von [sie] Osten und Hitlers Bereitschaft zum Exzeß“, und man frage sich „nach den wirklichen Gründen für die Ungehaltenheit, die Noltes Bemerkung ausgelöst hat, die Ereignisse in Rußland seien ‚das logische und faktische Prius‘ zu Auschwitz und zwischen beidem sei ein ‚kausaler Nexus wahrscheinlich‘“.

Damit trieb Fest das Spiel auf einen neuen Höhepunkt. Er sagt nicht, es gebe einen kausalen Zusammenhang. Er sagt nur, es könne nicht unzulässig sein, ihn herzustellen. Und wenn die Bemerkung Ungehaltenheit auslöst, fragt er nicht, ob das vielleicht damit zu erklären sei, daß sie dem Quellenbefund widerspreche. Nein, er wendet die von ihm selbst gerade noch gegeißelte „elende Praxis“ an und fragt nach den Motiven.