Rio Reiser: „RIO I.“

Wenig Glanz und viel Elend in der deutschen Rockmusik: Rio Reiser, einst Vorgröler bei der Berliner Anarcho-Kapelle „Ton Steine Scherben“, liefert das schlimme Beispiel. Kompositionen, die als Songs nicht tragen, Texte mit einem geradezu abenteuerlichen Mut zur Dümmlichkeit, Arrangements ohne jeden Pfiff und ein Vorsänger, der mit seiner Stimme nichts anfangen kann, weil er keine hat. Im Grunde trifft das zwar auch für BAP, Groenemeyer, Geier Sturzflug – beispielsweise – zu, wenngleich anderswo wenigstens die Texte etwas Denkarbeit, poetische Empfindsamkeit oder politisches Verantwortungsbewußtsein spüren lassen. Doch Reiser kann nirgendwo Pluspunkte sammeln; selbst „So allein“, ein hübsches Stück von Einsamkeit und trotziger Sehnsucht, wird von ihm ohne Emotion heruntergenudelt. Die meisten Rockmusiker, Reiser beweist es, versagen, weil ihnen die „sophistication“ fehlt. Sie haben die Rock-Historie nicht verinnerlicht, sind nicht sonderlich mit anderen Musikkulturen vertraut, literarisch zu wenig weltläufig, ohne Gespür für den Zeitgeist – Dorftrampel der internationalen Popularmusik. (CBS 26862)

Barry Graves

Werner Pirchner: „eu“

Gut, wohl, vollkommen rein, echt – das meint das griechische Wort „eu“. Was immer sich der Komponist, Glockenspieler, Akkordeonist, Vibraphonist, Sänger und Dirigent Werner Pirchner aus Tirol bei diesem Titel gedacht hat: auf irgendeine Weise ist auf diesem Doppelalbum alles eu. Und was ist es? Die acht Stücke fallen ins Fach der „ernsten Musik“ – aber der mit schelmischen Zügen. Man findet unter anderen: eine (Akkordeon-)„Sonate vom rauhen Leben“, ein „Streichquartett für Bläserquintett“, eine „Kammer-Symphonie ‚Soiree Tyrolienne‘“, eine „Kleine Messe um ‚C für den lieben Gott‘“, auch eine Suite für Bläserquintett mit dem Titel „Do you know emperor Joe?“ (gewidmet Joseph II., „dem einzigen Monarchen mit dem Spitznamen Menschenfreund’“ und Fritz Herzmanowsky-Orlando, dem Autor der Geschichte von „Kaiser Joseph und der Tochter des Stationsvorstehers“). Dies und die lustigen Zeichnungen der Plattentasche dürfen freilich nicht zur Annahme verführen, es handele sich hier um einen großen Jux, weil es auch Satzbezeichnungen gibt wie „Wer hat Dir – Du schöner Wald – eine vor den Latz geknallt“, „Idylle und Krawalle“, „Tanz der Salomen“. Die Musik ist eine eigenwillige Mischung aus Frühmoderne, Tradition, Volksmusik und Humor. Alles an ihr ist anders. Es gibt seltsame Klänge, die in gewohnte hereinplatzen, Dissonanzen, die sich verschmitzt reiben. Die ungewöhnliche Instrumentation ruft wie die pikante, bisweilen sich stolpernd verschiebende Rhythmik unerwartete Stimmungen hervor. Es gibt meditative Stücke, die geduldig eine entspannende Ruhe erzeugen, und spritzig-temperamentvolle, die einen zum Lachen bringen (und mit ihren satztechnischen Künsten zugleich Hochachtung abnötigen). Allesamt sind sie von erster handwerklicher Qualität – und sie werden mit leidenschaftlicher Präzision gespielt: bewundernswert nicht nur, weil daran Wiener Symphoniker, hervorragende Sänger (und die eigene Familie) beteiligt sind, sondern weil es allen eine so hörbar große Freude gemacht hat. (ECM New Series, Nr. 1314/15)

Manfred Sack