Santiago de Chile, im September

Er nennt es einen „Fingerzeig des Allmächtigen“: Nahezu unverletzt war der chilenische Präsident und General Augusto Pinochet einem Hinterhalt kommunistischer Untergrundkämpfer entronnen. „Gott hat mich errettet“, verkündete der Diktator seinem Volk, „damit ich weiterhin mit ganzer Kraft für mein Vaterland kämpfen kann.“

Im dreizehnten Jahr seiner Herrschaft erscheint der 70jährige General unbeugsamer und unbelehrbarer denn je. Die ganze Welt geht auf Distanz, doch er zeigt sich fest entschlossen, die Macht nicht aus der Hand zu geben. Überall in Südamerika mußten sich in den letzten Jahren die Militärs in ihre Kasernen zurückziehen; in Argentinien wurden die Generäle sogar vor Gericht gestellt. Allein Pinochet und sein Gesinnungsgefährte Stroessner, der Diktator von Paraguay, widersetzen sich nach wie vor einem Wechsel zur Demokratie. Den Anschlag auf sein Leben benutzt Pinochet nun dazu, um allen Widerstand und jede Kritik zu ersticken. „Ich oder das Chaos“, droht sein Schlachtruf.

„Ich hatte oder ich habe keinerlei persönlichen Ehrgeiz“, erzählte Pinochet eine Woche nach dem mißglückten Attentat amerikanischen Interviewern. Man möge ihn jedoch nicht belehren, wie er in Chile mit Marxisten umzugehen habe. Vor allem Kritiker in den Vereinigten Staaten sollten besser schweigen. „Amerika hat nämlich niemals einen Krieg gewonnen“, zischte der General. „Den Zweiten Weltkrieg haben die Russen gewonnen. Dann haben die Russen den Koreakrieg gewonnen. In Vietnam hat Rußland gesiegt. In Nicaragua ebenfalls. Und im Iran, wer hat dort gewonnen?“ Sprach’s und verließ den Raum.

Für Augusto Pinochet herrscht auch in Chile Krieg: „Die Marxisten haben versagt, wir haben eine neuerliche Schlacht gewonnen“, erklärte er unmittelbar nach dem Anschlag auf seinen Konvoi. Und am Krankenbett verwundeter Leibgardisten ergänzte Präsidentengattin Dona Lucia: „Das ist nicht ein Krieg gegen normale Menschen, sondern ein Krieg gegen Schakale.“

Noch in der Nacht des Attentats vom 7. September hatte Pinochet die chilenische Militärjunta überredet, für vorläufig neunzig Tage den Belagerungszustand zu verhängen. Im ganzen Land leerten sich die Straßen. Autofahrer gaben Gas, um so schnell wie möglich nach Hause zu gelangen. Niemand wollte den Patrouillen, die ausgeschwärmt waren, in die Hände laufen.

Die chilenische Kriegsmaschine, deren vordringlichste Aufgabe es ist, den Feind im Inneren zu bekämpfen, kam ins Rollen. Militärlastwagen, vollgepackt mit schwerbewaffneten Soldaten, durchkreuzten stundenlang die Straßen der Innenstadt von Santiago. An Verkehrsknotenpunkten bezogen Einheiten von Heer und Luftwaffe Stellung.

In den frühen Morgenstunden des darauffolgenden Tages wurden die Arbeitervorstädte Santiagos hermetisch abgeriegelt und durchkämmt. Tausende von Soldaten mit geschwärzten Gesichtern drangen – begleitet von Geheimpolizisten – in die Hütten ein, um subversives Material sicherzustellen. Belastend war alles; von Flugblättern linker Parteien bis zu Postkarten aus dem Ausland.

Nach offiziellen Angaben wurden während dieser Razzien 65 Oppositionelle verhaftet: Priester, Studenten und Repräsentanten der linken Parteienallianz „MDP“. Aber auch der Vorsitzende der mit den Christdemokraten verbündeten Sozialistischen Partei wurde festgenommen. Ihm wird geistige Mittäterschaft an dem Attentat auf den Präsidenten vorgeworfen.

Zur selben Zeit stoppten Lieferwagen der Sicherheitspolizei vor den Redaktionen und Druckereien der oppositionellen Zeitschriften Apsis, Cauce, Analisis, Loy und Fortin Mapoche. Die Beamten brachen in die Räume ein und beschlagnahmten die jeweils letzte Auflage der Magazine.

Auch die Todesschwadronen gingen an die Arbeit. Im Morgengrauen des 8. September trommelten drei bewaffnete Männer an die Haustür des Journalisten José Carrasco, der erst vor geraumer Zeit aus dem Exil in Venezuela zurückgekehrt war. Sein 16jähriger Sohn wollte noch mit Möbeln die Tür verbarrikadieren, doch die Entführer waren schneller. Sie stürmten in das Schlafzimmer des Journalisten. Carrasco versuchte, seine Schuhe anzuziehen. „Die brauchst du nicht mehr“, höhnte der Trupp. Kurz darauf wurde die Leiche des Journalisten an der Mauer des Friedhofes „Park der Erinnerung“ aufgefunden. Dreizehn Kugeln hatten ihm Kopf und Brust durchbohrt.

So wie José Carrasco wurden der Lehrer Gaston Manriquez, der Elektriker Felipe Gajardo und der Buchhalter Abraham Muskatblie von den Killern des Regimes ermordet. Alle vier waren Mitglieder linker Parteien.

Polizei und Militär behaupteten, sie hätten mit den Mördaktionen nichts zu tun. In allen vier Fällen aber schlugen die Todeskommandos während der nächtlichen Ausgangssperre zu. Zwischen zwei und fünf Uhr morgens gehört Santiago der Armee.

Anfang letzter Woche meldete sich ein „Kommando 11. September“ und schwor Rache für die fünf bei dem Attentat getöteten Wachsoldaten. Niemand hatte bisher von diesem Terrorkommando gehört. Die Todesschwadronen des Jahres 1973, die in der faschistischen Gruppe „Vaterland und Freiheit“ organisiert waren, wurden nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 in den chilenischen Staatssicherheitsdienst „Dina“ aufgenommen. Einige von ihnen tauchten mittlerweile wieder bei Aktionen der Schlägertruppe „Acha“ (Acción anticommunista Chilena) auf. Als Cecilia Pena nach einem Solidaritätsgottesdienst für drei des Landes verwiesener Armenpriester ermordet wurde, beobachteten Augenzeugen ein Fahrzeug der Sicherheitspolizei, aus dem die tödlichen Schüsse abgefeuert worden waren.

Angriffe und Drohungen gegen oppositionelle Politiker, Rechtsanwälte, Kirchenleute, Journalisten und Gewerkschafter reißen nicht ab. Unbekannte zertrümmerten die Fensterscheiben christdemokratischer Politiker. In den Briefkästen der internationalen Nachrichtenagenturen lagen Morddrohungen. Eine Reihe von Photographen ist inzwischen aus Chile geflüchtet. Auch die Anwälte des erzbischöflichen „Vikariats der Solidarität“, das die Menschenrechtsverletzungen in Chile untersucht, wurden mit dem Tode bedroht. Als blutiges Warnzeichen wurden Hunde mit aufgeschnittenen Kehlen vor die Häuser der Rechtsanwälte geschleudert.

Schon Wochen zuvor hatte das Regime den Anwälten Unterstützung marxistischer Terroristen vorgeworfen. Eine Todesschwadron versuchte daraufhin, in das Haus des Rechtsanwaltes Luis Toro einzudringen. Toro rief die Polizei, die sich allerdings erst nach langem Nachfragen zum Grundstück des Anwaltes bemühte. Die Nachbarn schalteten das Licht ein, stürzten vor die Tür und schrien laut um Hilfe. Noch bevor die Polizei eingetroffen war, floh das Mordkommando.

Der Belagerungszustand hat vor allem psychologische Wirkung. Am Morgen nach der Ausrufung des „Estato de sitio“ gingen viele Chilenen in Deckung. „Der Doktor ist verreist“, beschied die Sprechstundenhilfe des Arztes. „Der Herr befindet sich außerhalb Santiagos“, wehrten die Mitarbeiter von Oppositionspolitikern die Interviewwünsche der Journalisten ab. Denn was der Belagerungszustand alles rechtfertigen kann, weiß die Bevölkerung aus Erfahrung (zuletzt hatte Pinochet ihn im November 1984 für sieben Monate verhängt): willkürliche Verhaftungen, Hausdurchsuchungen ohne richterliche Anordnung, uneingeschränkte Brief- und Pressezensur, Verbannung in entlegene Landesteile, Einreiseverbot und Ausweisung aus dem eigenen Vaterland. Juristische Eingaben sind wirkungslos.

Einer der Untergetauchten ist José. Er war Mitglied der Sozialistischen Partei des gestürzten Präsidenten Salvador Allende. Nach dem Militär-Sutsch von 1973 war er nach Europa ins Exil geächtet, erst im März dieses Jahres hatte ihm das Regime die Rückkehr in die Heimat gestattet. Die Nachrichten von Attentat und Belagerungszustand riefen in ihm die Erinnerung an die Tage nach dem Putsch wach: Panzer, Militärstreifen, Todesschwadronen, allgegenwärtige Geheimpolizei.

José war sich nicht sicher, ob sein Name abermals auf der schwarzen Liste stand. Indizien mahnten ihn zur Vorsicht: Ein anonymer Anrufer, der sich nach seinem Namen erkundigte; ein Mann, der ihm suspekt vorkam, weil er ihm an diesem Tag schon zum dritten Mal begegnet war; die Fragen der Sicherheitspolizei, die seinen inhaftierten Bekannten verhört hatten. Solche Zeichen müssen in Chile nichts zu besagen haben. Es können aber auch Alarmsignale sein.

Die Verabredung war für acht Uhr abends angesetzt. Gegen halb neun stürmt José in die kalte Kneipe im Norden Santiagos. Mißtrauisch streicht sein Blick durch den Raum, argwöhnisch fixiert er das Bedienungspersonal. Seit Tagen irrt José durch Santiago. Sooft wie möglich wechselt er seinen Aufenthaltsort. Er schlüpft bei Freunden unter, schläft ein paar Stunden und verschwindet dann wieder. Am Telephon meldet er sich nur unter einem Decknamen. José „zirkuliert“.

„Wir werden eingekesselt“, keucht er, „durch den Unterdrückungsapparat und politisch.“ José wird unruhig. Drei seiner Freunde überwachen den Eingang und die Straße; er erhält ein Signal, daß die Luft rein ist. Nach einer Stunde taucht er wieder in der Nacht unter.

General Augusto Pinochet genügt es nicht, seine Gegner in Angst und Schrecken zu versetzen; das ganze Land soll vor dem Feind des Vaterlandes, der „marxistischen Hydra“, zittern. Er läßt die zerschossenen und ausgebrannten Fahrzeuge des Präsidentenkonvois vor dem Regierungspalast ausstellen. Das Volk soll nun endlich begreifen, wie nah und wie gefährlich der Feind ist.

Schon immer waren Ankunft und Abfahrt des Diktators geheime Kommandosache. Wenige wußten, wann Pinochet erscheint, welchen Weg er einschlägt und welche Einfahrt er benutzt. Nach dem Attentat aber läßt sich der General demonstrativ vor dem Hauptportal seines Regierungspalastes absetzen. „Entweder wir fügen uns in das Chaos, das degenerierte Politiker entfachen wollen, oder wir unterstützen die Männer, die in der Regierung stehen“, predigt er ganz Chile.

Überraschend schnell jedoch haben sich die Polizei- und Militäreinheiten nach wenigen Tagen aus den Vorstädten von Santiago zurückgezogen. Im Straßenbild der Innenstadt ist vom Belagerungszustand bald kaum noch etwas zu spüren. Auf der Plaza de Armas vor der Kathedrale steht wieder der zur Theke umgebaute weißblaue Kinderwagen mit der Registriernummer 1076235-0. Wie immer verkauft die Besitzerin süße Bonbons und Erdnüsse. An der Ecke parkt ein Ford-Kastenwagen der Carabinieros, bewacht von Polizisten in olivfarbenen Uniformen. Aber auch dieses Spezialfahrzeug, ausgerüstet mit Reizgaskanonen für schnelle Einsätze gegen spontane Demonstrationen, gehört zum chilenischen Alltag – und nicht zum Belagerungszustand. Ein paar Schritte weiter sammeln sich inmitten des Fußgängerstromes Passanten um zwei Straßenmusikanten, die ihre Zuhörer mit Gitarrenmusik unterhalten. Der Vater spielt Sonaten, während sein sechsjähriger Sohn skandiert: „Se va a caer. Se va a caer“ – „Er wird fallen, er wird fallen.“ Die Zuhörer lachen. Plötzlich ein Warnruf. „Achtung Polizei.“ Der Vater packt Gitarre und Sohn und taucht im Menschengewimmel unter. Hundert Meter weiter fängt er wieder an. Der Kleine wird wieder „Se va a caer“ rufen, bis die nächste Polizeistreife erscheint.

Der Belagerungszustand hat den Widerstandswillen in der Bevölkerung nicht gebrochen. Und General Pinochet verschärft seine Drohungen: „Die harte Hand ist das einzige Mittel, der jetzigen Situation gerecht zu werden.“ – „Die da von Menschenrechten reden“, bellt er bei einer Kundgebung ins Mikrophon, „werden aus dem Land gejagt und eingesperrt.“

Von Tag zu Tag kämpft er verbissener. Er hetzt von einer Rede zur anderen, von einem Gespräch zum nächsten. Er ist mißtrauisch geworden, einsam und nervös. Herrisch erzwingt er immer neue Treueide. Händeringend beschwört er eine Versammlung pensionierter Generäle: „Wenn nicht einmal wir Militärs zusammenstehen, dann werden wir als Nation untergehen. Wir werden verschwinden.“ Sein harter Mund verzieht sich unter seinem weißen Schnauzbart, er wartet auf Zustimmung. Die alten Offiziere – viele von ihnen haben noch unter demokratischen Regierungen gedient – applaudieren höflich. Begeisterung kann der Diktator selbst in diesem Kreis nicht mehr erwecken.

Am 9. September beging das Regime den „ersten Tag der Zukunft“. Die Vorbereitungen für das Spektakel waren nur kurzfristig durch das gescheiterte Attentat unterbrochen worden. Wochenlang waren in den Tageszeitungen ganzseitige Anzeigen mit dem Titel: „Der Präsident und Sie“ erschienen. Im Fernsehen prangte das Porträt des Diktators, von Orchesterklängen untermalt: „Der Präsident und Sie sind unzertrennlich vereint. Am 9. September bricht für den Präsidenten und Sie der erste Tag der Zukunft an.“ „Die schweigende Mehrheit erhebt ihre Stimme“, schrieben die Einheitszeitüngen des Landes. Das Staatsfernsehen übertrug ausgiebigst den Marsch der „Hunderttausende“.

Sieben Stunden lang nahm der General die Parade des Volkes ab. Dutzende von Abordnungen verschiedener Frauenorganisationen wedelten wild ihre Nationalfähnchen. Gepeitscht von einer heiseren Lautsprecherstimme schrieen die Mitglieder des nationalen Jugendsekretariats: „Pi-no-chet. Pi-no-chet.“ Ein Meer von Fahnen und Plakaten vogte. „Mano-dura – Pinochet. Pinochet, zeig’ deine harte Hand. Pinochet, wir sind mit dir – gib uns Waffen.“

Auch Maria Vargos brüllte für Pinochet. Wenn ihr der Leiter der Schule, in der sie als Putzfrau arbeitete, nicht mit dem Rausschmiß gedroht hätte, wäre sie dem Spektakel ferngeblieben. Roberto erhielt gleich zweimal die Gelegenheit, am Präsidenten vorbeizudefilieren. Er arbeitet für 50 Mark im Monat im nationalen Beschäftigungsprogramm der Regierung. Auch er hatte nur die Alternative: mitlaufen oder die Arbeit verlieren. „Als wir das erste Mal vorbeimarschiert waren“, erzählt er, „forderte uns der Blockführer auf, noch einmal von vorne zu beginnen.“ Hinter einer Straßenecke wechselten sie die Plakate und Fahnen. „Los Jungs, machen wir noch ’ne Runde.“ Roberto und seine Arbeitskollegen hatten für den Auftritt 1000 Pesos (10 Mark) extra bekommen.

In staatlichen Behörden und Großbetrieben führten Abteilungsleiter Anwesenheitslisten der Marschteilnehmer. Zwischen den Bürgermeistern der einzelnen Städte entwickelte sich ein Wettkampf um die Beteiligungszahlen ihrer Gemeinden.

Hinter den Zuschauern am Straßenrand wurden Hunderte von Beamten des Staatssicherheitsdienstes postiert. An der Ecke zum Präsidentenpalast drohte ein Schlägertrupp der Avanzada national ausländischen Photographen mit Holzlatten. Sie bedeuteten durch unzweideutiges Handzeichen: „Wir schneiden Euch die Hälse ab.“

Geschickt nutzt General Pinochet den Attentatsversuch, um seine Macht zu festigen. Noch immer sind daher in Chile die Gerüchte nicht verstummt, die wissen wollen, alles sei bloß eine raffinierte Inszenierung des Diktators gewesen: zu gelegen kam ihm der Anschlag, zu wundersam erscheint seine Rettung.

Doch Augusto Pinochet verdankt sein Leben in erster Linie den 30 Zentimeter dicken Panzerplatten seiner Mercedes-500-SE-Limousine. Er hatte sie verstärken lassen, nachdem ein Guerilla-Kommando den gepanzerten Mercedes des vertriebenen Diktators von Nicaragua, Anastasio Somoza, bei einer Spazierfahrt durch die paraguayanische Hauptstadt Asuncion mit einem Bazooka-Geschoß geknackt hatte.

Der 7. September war ein warmer, sonniger Vorfrühlingstag. In der Abenddämmerung befanden sich die fünf Fahrzeuge des Präsidentenkonvois auf der Heimfahrt von einem Wochenend-Aufenthalt auf Pinochets Landsitz „El Melocoton“ (der Pfirsich), rund 40 Kilometer von Santiago entfernt am Fuße der Anden gelegen. An einer engen Stelle, an der die Straße in einen steilen Felshang geschnitten ist, versperrte plötzlich ein blauer Kombi mit Wohnwagenanhänger den Weg.

Unverzüglich eröffneten Guerilleros von drei Seiten aus Gewehren und Bazooka-Rohren das Feuer. Die Leibwächter hatten keine Chance: fünf starben im Kugelhagel, elf Mann aus Pinochets Begleitung wurden schwer verletzt.

Die Attentäter konzentrierten ihr Feuer auf die erste der beiden identischen Mercedes-Limousinen (das dritte Auto des Konvois) und zerstörten sie vollkommen. Der General und sein zehnjähriger Neffe Rodrigo saßen jedoch im darauffolgenden Fahrzeug.

Kaum hörte Pinochet den Gefechtslärm, wollte er schon aus dem Wagen springen. Geistesgegenwärtig riß der Chauffeur die Hand des Generals vom Türgriff und legte den Rückwärtsgang ein. Er schob mit dem letzten Fahrzeug des Konvois das Auto von der Straße, mit dem die Untergrundkämpfer dem Diktator den Fluchtweg absperren wollten. Dann wendete er und raste zurück zur Wochenend-Residenz. Dadurch rettete er Pinochet das Leben. Denn in vier Kilometer Entfernung hatten die Attentäter einen Tunnel unter der Straße gegraben, in dem sie Plastiksprengstoff und zehn Kilo TNT zünden wollten, sollte der Mercedes des Präsidenten dem Hinterhalt entkommen und in Richtung Santiago weiterfahren.

Die Untergrundkämpfer konnten ausnahmslos flüchten. Einige kletterten an Bergsteigerseilen den Felshang hinunter, andere flohen in einem Auto, auf dessen Dach sie ein rotes Signallicht befestigt hatten. Dadurch täuschten sie die Posten an zwei Straßensperren, die dem vermeintlichen Polizeifahrzeug den Weg freigaben.

Die vier zurückgebliebenen Fahrzeuge des Konvois waren von Geschossen durchsiebt und ausgebrannt. Hubschrauber transportierten Pinochets verwundete Leibgardisten ins Krankenhaus. Der General selber demonstrierte noch in derselben Nacht in einem gespenstischen Fernsehauftritt den Hergang der „Einkesselung“: Die leicht verletzte linke Hand, um die ein dicker Notverband geschlungen war, benutzte er dabei zu weit ausholenden Gesten. „Das war von langer Hand vorbereitet“, behauptete der General.

Tatsächlich müssen die Attentäter über Informationen aus Pinochets innerem Kreis verfügt haben. Denn häufig benutzte der Präsident einen Hubschrauber, um von seinen Ausflügen in die Hauptstadt zurückzukehren. Merkwürdigerweise wußten die Attentäter allerdings nicht, in welchem Wagen Pinochet saß.

Die „Patriotische Front Manuel Rodriguez“ (FPMR) – so nach einem Helden der Revolution gegen die spanischen Kolonialherren von 1818 benannt –, die in einem Kommuniqué die Verantwortung übernahm, hatte bei Pressekonferenzen im Untergrund den Anschlag bereits Anfang August angekündigt. Bei einem dieser seltsamen Auftritte behauptete ein maskierter Guerillero – er erklärte, Offizier eines Regiments aus Santiago zu sein –, die FPMR verfüge über Zellen in den Streitkräften. Zum Beweis führte er zwei Überläufer aus der Armee vor: ohne Maske und in voller Uniform.

Die Guerilla-Gruppe war erstmals Ende 1983 in Erscheinung getreten. Sie steht der Kommunistischen Partei nahe, ohne allerdings ein umfassendes politisches Konzept zu haben: „Wir ergänzen lediglich den Kampf des Volkes um das notwendige bewaffnete Element“, heißt es in einem FPMR-Flugblatt. Die Gruppe hatte bislang einige Autobomben gelegt und einen Journalisten einer Regierungszeitung, einen Polizisten und einen Obersten der Armee entführt. Eine Aktion von der Qualität des Anschlages auf Pinochet hatten jedoch in Chile weder die FPMR noch irgendeine andere Untergrundorganisation aufzuweisen.

Die Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera will ein auf Kuba stationiertes Selbstmordkommando ausfindig gemacht haben, das den Hinterhalt gelegt haben soll. Einer der Kämpfer, „Juan Carlos“ mit Namen, habe behauptet, ein Großteil der Einheit sei bereits wieder wohlbehalten auf die Insel zurückgekehrt.

Auch die chilenische Polizei gab an, einen Attentäter namhaft gemacht zu haben: den 28jährigen Cesar Bunster, der erst vor wenigen Monaten aus dem Exil heimgekehrt sei. Er habe kurze Zeit als Portier an der kanadischen Botschaft in Santiago gearbeitet und diese Referenz benutzt, als er in La Obra, einige hundert Meter vom Attentatsort entfernt, ein geräumiges Haus gemietet habe, in dem die Untergrundkämpfer ihren Anschlag vorbereitet hätten.

Alvaro Bunster, der Vater des Beschuldigten und zwischen 1970 und 1973 Botschafter der Regierung Allende in London, wies den Vorwurf zurück. „Das ist nur ein Versuch, chilenische Emigranten in ein schlechtes Licht zu rücken.“ General Pinochet hatte bereits die Erkenntnisse seines Sicherheitsapparates als Vorwand benutzt, die Gesuche von rund 4000 rückkehrwilligen Exil-Chilenen vorläufig auf Eis zu legen.

Für die gemäßigte Opposition kam das Attentat zur falschen Zeit. Der christdemokratische Parteiführer Gabriel Valdes, ein ehemaliger Außenminister, beeilte sich mit einer Verurteilung: „Ich bin absolut gegen jede Gewalt und gegen alle Terrorakte.“ Den Hinterbliebenen der gefallenen Leibwächter sprach er das tiefe Beileid seiner Partei aus. Ebenso unglücklich zeigte sich der Sozialdemokrat Enrique Silva Cimma: „Das einzige, was durch solche Gewaltakte in Chile bewirkt wird, ist ein langer Krieg, der unserem Wunsch nach Wiederherstellung der Demokratie nicht entspricht. “

Nach dem fehlgeschlagenen Anschlag sieht sich die nach wie vor zersplitterte Opposition wieder in die Defensive gedrängt. „1986 wird das Jahr der Entscheidung“, hatten die Parteiführer bereits gehofft. Eine immer stärker eskalierende Kampagne bürgerlichen Ungehorsams sollte das Regime allmählich zermürben.

Selbst die Vereinigten Staaten, die durch lange Jahre Pinochet geholfen hatten, waren schon auf Distanz gerückt. Ermuntert durch den unblutigen Sturz der Diktaturen auf den Philippinen und auf Haiti, wollten sie auch den chilenischen Diktator mit sanfter Gewalt zum Rücktritt zwingen. Im Juli reiste General John Galvin, Oberbefehlshaber des „Kommando Süd“ in der Panama-Kanalzone, in geheimer Mission nach Santiago. Seine Audienz bei Pinochet endete mit einer deutlichen Abfuhr. Galvin sondierte ebenso die Stimmung innerhalb der Vier-Mann-Junta. Unter der Hand bot er den Generälen amerikanische Unterstützung und ein ehrenvolles Exil für Pinochet in den Vereinigten Staaten an, sollten sie einen Wechsel zur Demokratie fördern.

Die Unterredungen Galvins wurden bekannt, als ein Guerilla-Kommando der FPMR einen chilenischen Oberst entführte. Der Offizier war ein Kurier und trug in der Aktentasche die Protokolle der Gespräche mit sich. Zwar distanzierten sich alle Beteiligten, doch selbst Pinochet wurde klar, daß seine Tage auch für das Weiße Haus in Washington gezählt waren.

Die Amerikaner drohten immer unverhohlener mit wirtschaftlichen Sanktionen und kündigten an, einen 500 Millionen-Mark-Kredit der Weltbank zu blockieren. Der amerikanische Botschafter in Santiago, Harry Barnes, blieb demonstrativ den Feiern des Regimes fern und ging statt dessen zur Trauerfeier für ein Opfer der Diktatur. Nach dem gescheiterten Anschlag auf Pinochet zitierte Newsweek den Berater eines republikanischen Senators: „Die Stimmung hier im Kongreß ist: Schade, daß es ihn nicht erwischt hat.“

Der General blieb allerding unbeugsam. Schon als junger Leutnant war der Sohn eines Zollbeamten damit befaßt gewesen, kommunistische Streiks und linke Unruhestifter niederzuwerfen. Bereits damals, so gestand Pinochet später, habe er tiefe Abscheu vor Politikern und schwächlichen Demokraten empfunden. Er behielt jedoch seine Meinung zunächst für sich und diente sich zum Kommandeur der Sechsten Armee hoch. Ein Photo zeigt den General, wie er hoch zu Roß den Wagen des frischgewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende am ersten Tag seiner Amtszeit zum Regierungspalast eskortiert. Allende wurde ein Bericht über Pinochet vorgelegt: „Ihm kann vertraut werden. Er sollte zum Kommandeur der Streitkräfte befördert werden.“

Allende folgte dem Rat. Doch drei Wochen nach seiner Ernennung im August schloß sich Pinochet der Militärverschwörung an. Er war ein Spätberufener: Erst zwei Tage, bevor die Luftwaffe den Sitz des Präsidenten bombardierte, stieß er zu den Putschisten. Doch seitdem hat er die Macht nicht mehr aus der Hand gelegt. Geschickt manövrierte er alle Kritiker innerhalb der Offiziers-Hierarchie aus; beantwortete er öffentlichen Protest stets mit noch stärkerer Unterdrückung. „Ohne daß ich den Befehl dazu gebe, bewegt sich in Chile kein Blatt“, prahlte er.

Noch immer pflegt er – wenigstens für die Öffentlichkeit – einen spartanischen Lebensstil. Jeden Tag steht er angeblich um 5 Uhr 30 auf. Häufig ist das Regierungsfernsehen mit dabei, wenn er auf dem 80 000 Quadratmeter großen Gelände seiner Residenz im Stadtteil Los Curros ein umfangreiches Fitneßprogramm absolviert. Die Bilder zeigen einen schweißüberströmten, energiegeladenen Diktator beim Gewichtheben und Joggen – wohl eine Überkompensation des Soldaten, der zweimal im Laufe seiner Karriere wegen körperlicher Schwäche zurückgestellt worden war.

Der frühere Staatssekretär im amerikanischen Außenministerium, Langhorne Motley, erinnert sich an einen Besuch, den er Pinochet vor einem Jahr abgestattet hatte, um ihn zur Aufhebung eines Belagerungszustandes zu überreden: „Das ist die härteste Nuß, der ich je begegnet bin; verglichen mit ihm, wirken Somoza und all diese Kerle wie Schoßhündchen.“

Im April dieses Jahres brachte der Diktator in einem freimütigen Gespräch mit der Regierungszeitschrift Que Pasa seine Philosophie auf den Punkt: „Hier gibt man den Kranken kein Penizillin. Wir wenden andere Mittel an. Wenn eine Hand vom Brand befallen worden ist, dann ist es doch notwendig, den Arm zu amputieren, oder?“

In den dreizehn Jahren der Diktatur hat sich die Zahl der Selbstmorde verfünffacht. In ihrem jüngsten Report über Chile schrieb amnesty international vor wenigen Wochen: „Für Tausende Chilenen sind Verhaftung, Verschleppung und Folter weiterhin eine allgegenwärtige Drohung. Mitarbeiter der Kirchen und Menschenrechtsorganisationen sind gleichermaßen betroffen wie die mittellosen Bewohner der städtischen Slums und die Politiker der Opposition. Weiterhin interniert und foltert die Polizei die politischen Gegner der Regierung. Geheimkommandos haben neuerlich eine Verschleppungs- und Einschüchterungskampagne begonnen.“

Im Mai dieses Jahres befahl das Regime eine Serie großangelegter Razzien in den poblaciones, den Elendsvierteln am Rand der Hauptstadt. Mit geschwärzten Gesichtern (um anschließend nicht wiedererkannt zu werden) drangen die Soldaten in die Slums ein, kappten Telephon- und Stromleitungen und trieben Zehntausende von Männern zwischen 15 und 60 auf den Fußballfeldern zusammen – eine grimmige Erinnerung an den Putsch von 1973, als das Nationalstadion von Santiago in ein Konzentrationslager verwandelt worden war. Nachdem man die Personalien überprüft hatte, konnten die Festgenommenen wieder nach Hause gehen – auf die Handflächen hatte man ihnen die Worte secreto (geheim) und confidencial (vertraulich) gestempelt, um doppelte Kontrollen zu vermeiden. Weniger als hundert Slum-Bewohner wurden verhaftet, doch die Einschüchterung wirkte nachhaltig. Christdemokrat Valdes: „Es war barbarischer Terror gegen die Ärmsten der Armen, genauso muß es im Warschauer Ghetto zugegangen sein.“

Die Opposition war jedoch bereits zu stark und selbstbewußt geworden, um sich noch einmal einschüchtern zu lassen. Ihre Selbsthilfegruppen sind gut organisiert, in den poblaciones haben sie Nachbarschaftskomitees aufgebaut, die Barrikaden errichten, mit Steinschleudern und Prügeln den Kampf gegen die Sicherheitskräfte aufnehmen und den Widerstand auf allen Ebenen mobilisieren.

Im Juli lähmte ein Generalstreik zwei Tage lang das Land – eine breite Koalition oppositioneller Gruppen zeigte ihre Kraft. Am ersten Tag des Streiks, dem 2. Juli, lief der 19jährige Photograph Rodrigo Rojas di Negri einer Militärstreife in die Arme.

Rojas’ Freund aus gemeinsamen Exil-Tagen in Washington, der chilenische Schriftsteller Ariel Dorfman, berichtete, was weiter geschah: „Die Soldaten schossen, die Jugendlichen rannten. Als die 18jährige Carmen Quintana stolperte, ging Rodrigo zurück, um ihr zu helfen. Aus einem zweiten Wagen sprangen weitere Soldaten. Sie fielen über die beiden her und schlugen sie halb bewußtlos. Dann besprühten sie beide mit einer brennbaren Flüssigkeit und setzten sie in Brand.“

Sieben Kilometer weiter wurden die in Decken gehüllten Opfer in einen Straßengraben geworfen. „Rodrigo und Carmen gelang es, aus dem Graben zu kriechen. Das verkohlte Fleisch fiel ihnen bereits in Fetzen vom Leib.“

Mehr als jede andere Greueltat empörte diese Verbrennung die Weltöffentlichkeit. Die Vereinigten Staaten forderten eine Untersuchung und drohten neuerdings mit Sanktionen. Das Regime versuchte glaubhaft zu machen, die beiden seien an ihrem Tod selber schuld, da sie Benzinkanister unter ihren Jacken versteckt gehabt hätten. Doch das Mädchen hatte überlebt und schilderte, was tatsächlich vorgefallen war.

Selbst einer der Falken der amerikanischen Regierung, der Lateinamerika-Experte des State Department, Eliot Abrams, wurde nachdenklich: „Ich glaube, wir haben allen Grund, daran zu zweifeln, daß General Pinochet tatsächlich an einem Machtwechsel gelegen ist.“

Nur noch wenige ausländische Politiker und Diplomaten halten dem Regime noch die Treue. Einer davon ist der scheidende Militärattache an der deutschen Botschaft in Santiago, Oberstleutnant Hans Joachim Müller-Borchert. Die chilenischen Militärs hängten ihm am Tag nach dem Anschlag auf Pinochet ein Verdienstkreuz an die Brust, und der wackere Mann revanchierte sich mit klaren Worten: An allem sei nur „der internationale Kommunismus“ schuld, die eiserne Disziplin der Armee sei notwendig.

Botschafter Kullack-Ublick verließ demonstrativ den Saal. Es war bereits die zweite Entgleisung des Attachés innerhalb weniger Wochen. Nun wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Die „unglaubliche Äußerung“ empörte auch den CDU-Generalsekretär Heiner Geißler. (Siehe Kasten auf Seite 19.) Geißler, der nach einem Chile-Besuch im Juli zu einer „internationalen Protestwelle“ aufgerufen hatte, telegraphierte an General Pinochet, er möge in dem Attentat ein „Mahnmal“ sehen. „Lassen Sie nicht zu“, forderte der Christdemokrat, „daß Terror mit Gegenterror beantwortet wird.“

Nicht von Anfang an ist die CDU so entschieden gegen das Terrorregime aufgetreten. Einer von Geißlers Vorgängern, Bruno Heck, befand 1973, einen Monat nach dem Putsch bei einem Besuch in Santiago: „Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm.“ Rund 7000 Angehörige der „Unidad Popular“ hatte die Armee damals im Nationalstadion in Santiago zusammengepfercht. Tausende wurden von Militär und Geheimpolizei gefoltert, Hunderte ermordert, unter ihnen Victor Jara, der populärste Sänger Chiles.

Ausländische Unternehmer in Chile, darunter auch deutsche, begrüßten den Militärputsch, weil sie einen wirtschaftlichen Aufschwung erwarteten. Aber die von der Junta erhofften Investitionen aus dem Ausland flossen nicht wie gewünscht; trotz Aufhebung des Streikrechts, trotz Verbots der Gewerkschaften und trotz Reprivatisierung der von der Unidad Popular verstaatlichten Unternehmen blieb der versprochene Aufschwung aus. 1975 reiste der Chicagoer Ökonom und spätere Nobelpreisträger Milton Friedman nach Santiago und verordnete der chilenischen Wirtschaft eine Radikalkur. Die Reallöhne wurden gedrückt, statt 50,2 Prozent des Bruttosozialproduktes im Jahre 1973 machten sie im Dezember 1976 lediglich 25,7 Prozent aus. Ex-Wirtschaftsminister Fernando Leniz forderte von den „einkommensschwächeren Sektoren“ einen Beitrag zur „Rückgewinnung des Verlustes“, den die Regierung Allende zu verantworten habe: Jene Sektoren haben für den Wiederaufbau Chiles nichts anderes beizusteuern als eine Verringerung ihres lebenswichtigen Konsums. Wenn wir dramatisch sein wollten, könnten wir sagen, daß sie nichts beizutragen haben als ihren Hunger.“ In einem Bericht der UN-Menschenrechtskommission hieß es drei Jahre nach dem Putsch: „50 Prozent der Kinder leiden unter ungenügender Ernährung. Die Kleinen sammeln sich morgens zu Cliquen und bitten von Haus zu Haus um Brot.“

Statt wie bis dahin auf Importsubstitution und die Stärkung der nationalen Unternehmen zu setzen, vertrauten Friedmans chilenische Schüler auf die Wunderkräfte des freien Marktes. Die Importbeschränkungen wurden abgebaut, das Land wurde mit ausländischen Waren überschwemmt. Zwar wurde die Inflation gestoppt (1975 knapp 400 Prozent), doch die Arbeitslosigkeit von über 15 Prozent blieb erhalten. Dabei handelt es sich um offizielle Zahlen, ausländische Beobachter schätzen sie auf weit über 20 Prozent.

Nach einem kurzzeitigen Aufschwung, den Optimisten schon als „chilenisches Wirtschaftswunder“ begrüßten, kam die große Krise. 1982 meldeten knapp 500 große traditionsreiche Firmen Konkurs an, mehr als 100 000 Arbeitsplätze gingen verloren und die Arbeitslosigkeit schnellte auf 35 Prozent. Jetzt sah sich auch der Mittelstand, der größtenteils die Vertreibung und Flucht von rund einer Million Landsleute ins Exil und die Liquidierung von 30 000 Linken hingenommen hatte, in seiner ökonomischen Existenz bedroht. Diese Schlüsselgruppe der chilenischen Gesellschaft hatte 1973 der Unidad Popular Allendes ihre Unterstützung versagt und durch Streiks und Demonstrationen dem Militärputsch die Bahn bereitet. Nach 1980 stimmte sie für ein Verfassungsreferendum des Diktators. Mittlerweile wünscht sich auch der Mittelstand ein schnelles Ende des Regimes. Die kleinen Selbständigen und die mittelständischen Unternehmer sind hoch verschuldet – gleichzeitig haben sie aber auch Angst davor, daß die Kommunisten noch mehr Einfluß gewinnen und die Guerilla den bewaffneten Kampf forciert.

Die Opposition wagte sich am 11. Mai 1983 zum ersten Mal wieder organisiert auf die Straße. Die Konföderation der Kupferarbeiter hatte zum Tag des nationalen Protestes aufgerufen. Pinochet erklärte daraufhin: „Die Demokratie ist die beste Brutstätte für den Marxismus. Darum wird sie von den Linken auch so hartnäckig verteidigt.“

Daß die Initiative für den Protest auf der Straße von kritischen Gewerkschaftern ausging, kam nicht von ungefähr. Die Militärs hatten unmittelbar nach dem Putsch die traditionell von den Linken beherrschten Gewerkschaften verboten und regimetreue „gelbe“ Gewerkschaften gründen lassen, die sich auf betriebliche Belange beschränkten. In der Wirtschaftskrise begannen sich jedoch unabhängige Gewerkschaften neu zu formieren und wahrten ihre Autonomie gegenüber den zerstrittenen politischen Parteien.

Selbsthilfe-Initiativen schlossen sich zusammen, in denen Priester und Marxisten Seite an Seite arbeiteten, Ärzte unentgeltlich den Armen zu helfen versuchten, Rechtsanwälte politisch Verfolgten beistanden. Arbeitslose taten sich zusammen, Frauen und Angehörige von „Verschwundenen“, Studenten wurden für die Autonomie der Universitäten aktiv. Die Opposition wuchs von unten. Im Frühjahr dieses Jahres schlossen sich 22 Dachverbände dieser sozialen und gewerkschaftlichen Organisationen zur „Asamblea de la Civilidad“, der Bürgerversammlung, zusammen.

Die Demonstrationen wurden zwar zumeist blutig zerschlagen – allein im Jahr 1983 starben über 100 Demonstranten auf den Straßen –, doch die Junta sah sich zu Zugeständnissen gezwungen. „Als ich 1978 aus dem Exil nach Chile zurückkehrte“, erinnert sich der Schriftsteller Jorge Edwards, „existierte ein Klima der Angst, doch dann begann das Land die Angst zu verlieren.“

Die letzte Stütze Pinochets ist die Armee. „Das chilenische Heer, die perfekteste Militärkaste in ganz Lateinamerika, bleibt ihm treu“, meinte der Christdemokrat Gabriel Valdes im Juni dieses Jahres. Pinochet verwöhnt seine Soldaten aus den Erträgen großer Kupferminen, die sich die Armee angeeignet hat. Ein Offizier verdient etwa das Zehnfache eines Fabrikarbeiters; bei Belagerungszustand gibt es 20 Prozent Zulage. Gleichzeitig warnt er die Armee: Nach der Demokratisierung in Argentinien ließ er an Offizieren die Protokolle der Prozesse gegen die Militärs verteilen, die ihre Menschenrechtsverletzungen vor dem Gericht in Buenos Aires zu verantworten hatten.

In der Luftwaffe und in der Marine ist Augusto Pinochet nicht besonders beliebt. Aber auch im Heer regt sich zaghafter Widerstand. General Danus aus Puntas Arenas in Südchile, der Kontakte zu Oppositionellen aus Gewerkschaften und Kirche hält, hat eine Aufklärung des Mordes an José Carrasco, dem Redakteur des Oppositionsblattes Análisis, verlangt: „Die Mörder müssen so schnell wie möglich gefaßt und von der vollen Härte der Justiz getroffen werden.“

Pinochets Stärke ist auch die Schwäche der Opposition. Es gibt mittlerweile rund fünfzig politische Parteien, zum Teil wiederum in verschiedene Flügel gespalten. Sie sind illegal, jedoch geduldet. Was der Opposition fehlt, ist sowohl ein umfassendes Bündnis als auch eine Führerfigur.

„Die Christdemokraten und die Kommunisten schafften es bisher nicht, sich zu einigen“, so nennt der Soziologe Hugo Calderón, der in West-Berlin im Exil lebt, das Kardinalproblem der Opposition. „Die Christdemokraten verlangen von der KP ein Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit, während die KP das Recht auf Rebellion gegen dieses Regime verteidigt.“ Was die Christdemokraten tatsächlich fürchten, ist der gesellschaftliche Einfluß der Kommunisten, die in den letzten Jahren umso stärker geworden sind, je mehr die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zu zivilisierten, demokratischen Verhältnissen zerschlagen wurde. Nach Schätzungen wären ihnen bei freien Wahlen mehr als 20 Prozent der Stimmen sicher.

Es gibt derzeit zwei Bündnisse oppositioneller Parteien: den „Acuerdo nacional“, das „nationale Abkommen für einen Übergang zur uneingeschränkten Demokratie“. Es umfaßt die Christdemokraten und zehn weitere Parteien von der gemäßigten Linken bis zur Rechten und wurde im vergangenen Jahr von Kardinal Fresno aus Santiago initiiert. Zu seinen Beratern zählen neben christdemokratischen Unternehmern auch der Ex-Wirtschaftsminister Fernando Leniz, eben jener, der 1975 den Armen eine Hungerkur verordnet hatte.

Das zweite Bündnis der Oppositionsparteien ist die Demokratische Volksbewegung (MDP) aus Teilen der Sozialisten, des „Movimiento de la Izquierda revolucionaria“ (MIR), anderen Linksradikalen und der Kommunisten. „Die Einheit der Parteien existiert, aber nur an der Basis“, erklärte MDP-Präsident German Correa in einem Interview. „Studenten, Frauen und Akademiker von den Christdemokraten und von den MDP-Parteien haben schon längst gemeinsame Aktionskomitees.“

Die Kommunisten waren bis zu Pinochets heiligem Krieg gegen den Kommunismus in die chilenische Gesellschaft integriert und zählten in der Unidad Popular zum legalistischen, rechten Flügel, der den friedlichen, demokratischen Übergang zum Sozialismus versuchte. Eine Guerilla paßt ebensowenig zur politischen Kultur Chiles wie das grausame Regiment der Militärs. Dennoch hat die Argumentation des MIR-Generalsekretärs Andres Pascal Allende – eines Neffen von Salvador Allende – ihre Logik: „Mit der Diktatur verhandelt man nicht, man muß sie zerstören. Das ist der einzige Weg zu Demokratie und Freiheit.“

Am Vormittag des 11. September 1973 hatte Präsident Salvador Allende, kurz vor seinem gewaltsamen Tod, eine letzte Botschaft an sein Volk gerichtet: „Vertraut darauf, daß sich die großen Alleen, die der freie Mensch durchwandert, um eine bessere Gesellschaft zu errichten, früher oder später wieder öffnen werden.“