Das Collegium Vocale Köln

Tausendmal am Tag sterbe ich

Alle Epochen von der Frührenaissance bis zur Avantgarde / Von Peter Fuhrmann

Paris 1968, im Jahr der Studentenbewegung. Im Haus von Radio France gelangt ein neues Werk von Karlheinz Stockhausen zur Uraufführung: „Stimmung für sechs Vokalisten". Die äußeren Begleiterscheinungen sind außergewöhnlich: Die Interpreten hocken in Yogastellung,, in verklärendes Licht getaucht, kreisförmig auf dem Podium; bis auf die Arbeitsbeleuchtung am Regiepult, von dem aus der Komponist den akustischen Ablauf steuert, ist der Raum für die Zuhörer, unter ihnen auch der Maler Max Ernst, vollkommen abgedunkelt. Eine Wende ins Mystische, die das Publikum über die asiatisch verbrämte musikalische Substanz hinaus in Bann schlägt. Dieses Ereignis, bei dem sich die jungen Sängerinnen und Sänger Stockhausen gleichsam zum Schutzpatron erkoren, wurde zur eigentlichen Geburtsstunde des Collegium Vocale Köln. Nahezu ein Jahr lang hatte er damals an der Einstudierung mitgeholfen. Diese Mühe hat sich gelohnt: Über dreihundert Mal ist das Stück seither von diesem Ensemble in aller Welt aufgeführt worden.

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Das Verfahren blieb kein Einzelfall. Für das in der Stammbesetzung nur fünf Mitglieder zählende Collegium Vocale Köln ist die Zusammenarbeit mit Komponisten der Avantgarde eher signifikant. Gleich dutzendfach ha} das 1966 von Wolf gang Fromme gegründete Vokalquintett bislang Uraufführungen bestritten, überwiegend von Werken, die auf seine Anregungen zustande kamen.

Ein anderer Schwerpunkt und für die Arbeit des Collegium Vocale Köln nicht weniger bedeutsam: Mille volle il di moro („Tausendmal am Tage sterbe ich"), Ausbund einer geradezu flagellantischen Todessehnsucht; bestürzender aber noch in der manisch-depressiven Verzweiflung: Moro, lasso, al mio duolo („Ich sterbe, ach, an meiner Qual") - zwei Vokalstücke aus dem 1611 in Neapel publizierten VI. Madrigalbuch von Carlo Gesualdo, Principe da Venosa.

Die Radikalität des in diesen Stücken vollzogenen Stilbruchs ist - dreihundert Jahre später - mit der Überwindung der Atonalität durch Arnold Schönberg vergleichbar: in der affektgeladenen Fluktuation von Diatonik und Chromatik, die

Collegium Vocale: Ulla Tocha, Michaela Krämer, Wolfgarig Fromme, Helmut Clemens, Hans-Alderich Billig Aufnahme: Hildegard Weber sich brüsk über die gängigen „Modi", die Kirchentonarten hinwegsetzt und im Aufbrechen funktionsharmonischer Bindungen gleichsam atonale Elemente vorwegnimmt; aber auch im abrupten Wechsel der Tonarten, bei unvermittelt einsetzenden chromatischen Akkordfortschreitungen (G-dur/Fis-dur), in nicht leitereigenen Terzrelationen (C-E oder C-A), überdies in'Querständen, verminderten Intervällsprüngen und Kadenzverzerrungen mittels dissonanter Töne. So weit hatte sich damals nicht einmal Claudio Monteverdi ins experimentelle Neuland vorgewagt. Eine musikali¬

of Musicke", sänts".

sche Miniaturenmalerei, die noch heute jedem Spezialisten-Ensemble höchstes interpretätorisches, vor allem intonatorisches Können abverlangt.

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  • Von Peter Fuhrmann
  • Datum 3.10.1986 - 13:00 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 03.10.1986 Nr. 41
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