Kempten/Allgäu

Eigentlich war der Blick des Bundes der Freien Waldorfschulen Stuttgart, als er 1983 den Namen „Waldorf“ und „Steiner“ patentieren ließ, auf Baghwan Shree Rainesh gerichtet gewesen. Wenn einer wie der indische Guru auf die Idee, kommen sollte, sich klammheimlich einzuschleichen, vielleicht gar eine „Rudolf-Steiner-Schule“ oder einen Waldorfkindergarten zu gründen – der Schaden, sagten sich die Stuttgarter, für die weltweit anerkannte Waldorfbewegung würde unermeßlich sein.

Nun aber wird sich zeigen, ob das Patent auch anderen Gurus standhält, die nicht wie Baghwan als Gefahr von außen dräuen, sondern die Steiners Anthroposophie mit der Muttermilch aufgesogen haben. Der Mann heißt, wie es Rudolf Steiner selbst dessen Vater geraten haben soll, „Sigurd“ Böhm und ist Gründer der fünf Jahre alten Freien Waldorfschule Kempten. Aus dem Bund der Freien Waldorfschulen ist diese Allgäuer Einrichtung offiziell ausgeschlossen worden: ein bisher einmaliger Vorgang, setzt doch der „Bund“ auf die Autonomie seiner deutschen Schulen. Doch wenn einer wie Sigurd Böhm daherkommt und sich standhaft weigert, konfessionellen Religionsunterricht in den Lehrplan zu nehmen, wenn Weihbischöfe und Dekane sich in die Diskussion einschalten – dann ist der Punkt erreicht, an dem die Schulen um ihren Bestand fürchten. Vom Freistaat knapp gehalten mit Zuschüssen, können sie es sich nicht leisten, das Wohlwollen der Ministerien zu verscherzen.

Dem „Bund“ ist es im Grunde nicht wichtig, ob die Kinder katholisch oder evangelisch unterrichtet werden, tatsächlich erscheint ihm im Grunde eine Unterweisung im „freichristlichen“ Sinn erstrebenswert. Und Anthroposophen sind eigentlich friedliche Menschen: Eltern, denen es vor allem um die beste Erziehung ihrer Kinder geht; Lehrer, die Tarifabschlüsse im öffentlichen Dienst ignorieren, weil sie ihre Arbeit aus Liebe zur Sache tun. Die diversen anthroposophischen Kreise und Zweige haben alle Hähde damit zu tun, sich in nächtelangen Lesungen und Diskussionen persönlich fortzuentwickeln. Die Vorstandsmitglieder setzen oft ihre persönliche Habe ein, um ihr Werk – ob Kindergarten oder Schule – wachsen zu sehen. Daß sie sich in Kempten kräftig in die Haare kamen, geschah nicht zuletzt deshalb, weil ein selbsternannter Eiferer in Sachen Christentum, der Augsburger Anthroposoph Carl von Andrian, das Feuer kräftig schürte.

Carl von Andrian intervenierte, weil ihm der konfessionelle Unterricht an der Schule fehlte, bei Schulaufsicht und Kirchen, bei der Stadt und beim Bund der Freien Waldorfschulen. Als der „Bund“ ihm endlich vorsichtig riet, sich „nach sicher verdienstvoller Tätigkeit nunmehr zurückzuhalten“ – war es zu spät, die Angelegenheit hatte von Stuttgart bis München Aufsehen erregt.

Zur Spaltung der Waldorfschule Kempten vom „Bund“ aber lieferte Sigurd Böhm den Anlaß selber. Der Schulleiter ist in der eigenen Schule umstritten – altbewährte Waldorf-Eltern werfen ihm vor, er habe zu großen Einfluß auf die Schule, die sie auch schon einmal „Böhmschule“ nennen. Böhm hatte die Lehrerschaft schriftlich angewiesen, die Zeugnisse von Kindern „oppositioneller Elternhäuser“ vor ihrer Aushändigung an die Schüler noch einmal zu überprüfen. Aus „einem Guß“ müßten sie sein, man wolle doch nicht „Perlen vor die Säue werfen“.

Das ließ sich interpretieren. Das Wort von den „manipulierten Zeugnissen“ tauchte auf, und von 190 Kindern, die eigentlich zum Schuljahresbeginn im September 1986 antreten sollten, kamen schließlich nur 150. Wie Sigurd Böhm selber seinen Brief später interpretierte, war schon nicht mehr interessant. Er habe doch nur darauf hinweisen wollen, sagte er, daß die Zeugnisse von Kindern, deren Eltern schon vorher angekündigt hatten, sie wollten sie vor Gericht anfechten, juristisch unanfechtbar sein müßten. Und daß für Schulabgänger, die ohnehin auf dem Sprung an die Staatsschule waren, nicht noch überflüssigerweise waldorfübliche zehnseitige Wortbeurteilungen („Perlen“) ausgestellt würden, sondern nur die reinen Notenzeugnisse, das sei eine Frage der Arbeitsökonomie.